Bienzeisler, Nils; Hohenwalde, Clarissa & Sörries-Vorberger, Lars

Wissenschaft und Meinungsbildung

In politischen Kontroversen werden wissenschaftliche Informationen häufig nicht allein nach ihrer Qualität bewertet, sondern im Lichte bestehender Überzeugungen. Dieses Phänomen wird als „Motivated reasoning“ bezeichnet (Kunda, 1990). Dabei lassen sich zwei Spielarten unterscheiden: „Directional Motivated Reasoning“ und „Accuracy Driven Motivated Reasoning“ (Druckman&McGrath, 2019). Während ersteres daraus resultiert, dass Menschen bestehende Einstellungen verteidigen, indem sie widersprechende Informationen zurückweisen, beruht Letzteres darauf, dass sie bevorzugt auf Informationen zurückgreifen, die mit ihren Einstellungen übereinstimmen. Das Projekt setzt sich daher sowohl mit „Directional Motivated Reasoning“ als auch „Accuracy Driven Motivated Reasoning“ und daraus resultierenden Informationsrepertoires auseinander. Es wird beleuchtet, ob unterschiedliche Informationsrepertoires polarisierte Debatten erklären können.

Das Projekt untersucht dazu die Rolle wissenschaftlicher Informationen in polarisierten Debatten. Im Zentrum steht die Frage, ob Menschen aus unterschiedlichen Blickwinkeln auf gesellschaftliche Themen blicken und ob dies zu festgefahrenen Debatten führt. Wir prüfen die Vermutung, dass Personen mit gegensätzlichen Einstellungen auf unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen zurückgreifen. Daraus könnten grundlegend verschiedene Verständnisse eines Problems resultieren. Das Projekt kombiniert dazu eine qualitative Fokusgruppenstudie mit vier Gruppen und 17 hoch involvierten Befürworter:innen und Gegnern des sog. Genderns mit einem Online-Survey von 1549 Personen. Die erste Teilstudie untersucht, wie die Beteiligten wissenschaftliche Informationen aus Biologie, Linguistik und Sozialwissenschaften zum Thema Gendern deuten. Die zweite Teilstudie prüft, ob sich die in der ersten Teilstudie identifizierten Muster in einer breiteren Öffentlichkeit zeigen und bezieht zusätzlich die Debatte über Flugreisen und Klimawandel ein.

Methode

Teilstudie 1 basiert auf vier Fokusgruppen mit Personen, die Initiativen für oder gegen das Gendern initiiert hatten. Ihnen wurden sechs wissenschaftliche Informationen aus Biologie, Linguistik und Sozialwissenschaften vorgelegt, die sie nach ihrer Relevanz für die Debatte sortierten. Skeptische Personen bezogen sich auf linguistische Erkenntnisse, Befürworter:innen auf sozialwissenschaftliche und biologische Forschung.

Teilstudie 2 ist eine Onlinebefragung mit zwei Fällen. Im ersten Fall werden dieselben Informationen wie in Teilstudie 1 gezeigt, im zweiten sechs zu Flugreisen. Wir erwarten, dass sich Personen mit unterschiedlichen Einstellungen auf unterschiedliche Disziplinen stützen. Ein Lückentext prüft, ob Argumentationslinien aus den Fokusgruppen reproduziert werden. Der Fragebogen zum Gendern wurde mit 52 Personen getestet (Verständlichkeit, Bearbeitungszeit, Skalen).

Ergebnisse

Die Studie zeigt, dass Motivated Reasoning nicht nur daraus entsteht, dass Menschen Informationen bevorzugen, die zu ihren bisherigen Überzeugungen passen. Zugleich versuchen Menschen, Informationen sinnvoll und möglichst zutreffend einzuordnen, greifen dabei aber auf unterschiedliche Deutungen und wissenschaftliche Disziplinen zurück. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass Personen mit gegensätzlichen Einstellungen tatsächlich unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen als relevant ansehen und deren Befunde bevorzugt zur Deutung des Problems heranziehen. Beide Formen des „Motivated reasoning“ – „Directional Motivated Reasoning“ und „Accuracy Driven Motivated Reasoning“ – wirken daher zusammen und prägen gemeinsam, welche wissenschaftlichen Informationen Menschen als glaubwürdig und relevant bewerten.

Literatur

Druckman JN and McGrath MC (2019) The evidence for motivated reasoning in climate change preference formation. Nature Climate Change 9(2): 111–119. doi: 10.1038/s41558-018-0360-1

Kunda Z (1990) The case for motivated reasoning. Psychological Bulletin 108(3): 480–498. doi: 10.1037/0033-2909.108.3.480

Steckbrief

Titel (deutsch): Wissenschaft und Meinungsbildung
Titel (englisch): Science and Opinion Formation
Erhebungszeitraum: 04/2026
Stichprobe (effektiv): 1.549
Stand der Informationen: 29.07.2026

Kontakt

Nils Bienzeisler

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