Casey, Leo

Der Einfluss von Radverkehrsinfrastruktur auf die Situationswahrnehmung von Kfz-Fahrenden

Die Studie untersucht, wie sehr die Aufmerksamkeit von Kraftfahrzeug-Fahrenden (Kfz) im Straßenverkehr davon abhängig ist, ob auf einer Straße Schutzstreifen für den Fahrradverkehr existieren. Bestehende Untersuchungen zeigen, dass Kfz auf Straßen mit Schutzstreifen diese häufig befahren, selbst wenn kein Bedarf dafür besteht. Dies ist besonders auf Straßen mit schmalen Fahrbahnbreiten der Fall. Damit verlieren Schutzstreifen einen Teil ihrer Wirkung, nämlich ihre Funktion als Schutzraum für Radfahrende. Da davon auszugehen ist, dass in Deutschland in den kommenden Jahren vermehrt Schutzstreifen auf schmalen Fahrbahnen angelegt werden, verstärkt sich dieses Problem [1].

Die Studie untersucht die Fragestellung, ob Schutzstreifen noch Vorteile für die Verkehrssicherheit haben, wenn Sie häufig von Kfz befahren werden. Es wird die Hypothese aufgestellt, dass Kfz-Fahrende, die dauerhaft auf Schutzstreifen fahren, durch die Markierungen auf der Fahrbahn im Vergleich zu Straßen ohne Schutzstreifen (Mischverkehr) dennoch eine erhöhte Aufmerksamkeit gegenüber Radfahrenden zeigen.

Methode

Die Befragung basiert auf dem Konzept der Situation Awareness (SA), das darstellt wie gut Personen die Situation, in der sie sich befinden, erfassen. Das Erhebungsinstrument ist die Situation Awareness Global Asessement Technique (SAGAT). Dabei bekommen Probanden Videos gezeigt, die an einer festgelegten Stelle enden und danach nicht mehr sichtbar sind. Anschließend folgen die Items der Befragung, die aus Fragen zur gezeigten Situation bestehen. SA wird in drei Stufen eingeteilt: a) Perception (Was nehmen die Personen wahr?), b) Comprehension (Wie sehr verstehen die Personen die Situation?) und c) Projection (Was wird in Folge passieren? [2]

Für die Befragung wurden im realen Straßenverkehr auf Straßen mit beidseitigen Schutzstreifen sechs Videosequenzen aus der Perspektive von Kfz-Fahrenden aufgenommen. Die Befragten wurden innerhalb der Befragung zufällig in zwei Gruppen aufgeteilt. Eine Gruppe sah Videos aus dem Straßenverkehr auf Straßen mit Schutzstreifen (Gruppe Schutzstreifen). Die zweite Gruppe sah dieselben Videos, in denen die Schutzstreifen digital entfernt wurden (Gruppe Mischverkehr). So ließen sich die Unterschiede in der SA vergleichen. Allen Teilnehmenden wurde eine zufällige Auswahl von vier Videosequenzen vorgelegt. Die Befragung bestand aus a) einem selbstentwickelten SAGAT-Fragebogen, bestehend aus neun Single-Choice-Fragen, die für jede gezeigte Videosequenz unverändert beantwortet wurden und b) Fragen zur Demografie und zur Häufigkeit der Fahrrad- und Autonutzung. Die Befragung enthielt jeweils drei Items pro SA-Stufe, was in Summe neun Items pro Videosequenz entsprach. Für jedes Item wurde in der Auswertung ein Punkt vergeben, wenn die gegebene Antwort der gezeigten Situation entspricht. Die SA für jedes Video und jeden Teilnehmenden ergab sich aus der Summe der einzelnen Bewertungen aller Items und konnte somit Werte von 0 bis 9 annehmen.

Ergebnisse

Es konnte kein Unterschied in der SA zwischen den beiden Gruppen festgestellt werden. Deskriptiv erzielten die Teilnehmenden der Gruppe Schutzstreifen über alle Videosequenzen hinweg im Mittel mit einem Wert von 3,28 eine etwas höhere Punktzahl als die Teilnehmenden der Gruppe Mischverkehr (3,20). Das Linear Mixed Model zeigte keinen signifikanten Zusammenhang zwischen der Gruppe und der erzielten Punktzahl. Signifikante Zusammenhänge konnten für die Videosequenz (p <.001) und das Alter (p <.001) gefunden werden. Demnach sinkt die zu erwartende SA mit fortschreitendem Alter, was konsistent zu bestehender Literatur ist [3]. Die Ergebnisse sprechen dafür, Schutzstreifen auf schmalen Fahrbahnen mit Bedacht einzusetzen und durch begleitende Maßnahmen die Schutzwirkung für Radfahrende sicherzustellen.

Literatur

[1] Casey, L.; Dreher, D.; Gaspers, L. (2024) „Fahrradinfrastruktur auf beengten Straßen“, Transforming Cities, Bd. 9, Nr. 4, Dez. 2024, doi: 10.24053/TC-2024-0049.

[2] Endsley, M. (2008), „Theoretical Underpinnings of Situation Awareness: A Critical Review“, in Situation Awareness Analysis and Measurement, Reprint., Boca Raton, New York, Abingdon: CRC Press, 2008, S. 3–32.

[3] Bolstad, C. (2001) „Situation Awareness: Does it Change With Age?“, Proceedings of the Human Factors and Ergonomics Society Annual Meeting, Bd. 45, Nr. 4, S. 272–276, Okt. 2001, doi: 10.1177/154193120104500401.

Steckbrief

Titel (deutsch): Der Einfluss von Radverkehrsinfrastruktur auf die Situationswahrnehmung von Kfz-Fahrenden
Titel (englisch): The influence of cycling infrastructure on the situation awareness of motorists
Erhebungszeitraum: 02/2026–03/2026
Stichprobe (effektiv): 147
Stand der Informationen: 28.04.2026

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