Exklusion, Erschöpfung, Effizienzverlust
Eine quantitative Befragung zu dysfunktionalen Effekten informeller Kommunikation
Informelle Kommunikation macht einen erheblichen Teil der Kommunikation am Arbeitsplatz aus – vom Plausch an der Kaffeemaschine, über Gespräche in der Mittagspause bis hin zum digitalen Austausch in informellen Settings. Verschiedene Studien haben sich bereits mit den Funktionen von informellem Austausch für Organisationen beschäftigt. Informelle Kommunikation spielt demnach beispielsweise eine wichtige Rolle bei der Weitergabe von Informationen oder der Förderung eines Zugehörigkeitsgefühls. Neben diesen funktionalen Aspekten können sich jedoch auch dysfunktionale Effekte durch informelle Kommunikation entfalten. So gibt es Ansätze, die sich damit beschäftigen, inwiefern informelle Kommunikation zur Ausgrenzung einzelner Mitarbeiter*innen oder Produktivitätsverlusten durch Ablenkung führen kann. In der Forschung fehlt bislang allerdings eine Perspektive, die die verschiedenen dysfunktionalen Effekten systematisch betrachtet. Die vorliegende Studie adressiert daher mit der folgenden forschungsleitenden Frage eine zentrale Forschungslücke: Wie lassen sich Dysfunktionen informeller Kommunikation systematisieren und welche Auswirkungen haben sie auf Erwerbstätige? Hierzu wurde zunächst theoriegeleitet eine Dimensionierung von Dysfunktionen informeller Kommunikation erarbeitet, die zwischen folgenden Ebenen unterscheidet: informationsbezogene, soziale, affektive und leistungsbezogene Dysfunktionen. Innerhalb eines Clusters wurden je drei bis vier einzelne Dysfunktionen zusammengefasst, wie beispielsweise die Verbreitung von arbeitsbezogenen Falschinformationen, emotionale Belastung oder Exklusion.
Die Studie leistet einen Beitrag zur Schließung bestehender Forschungslücken und liefert zugleich praxisrelevante Implikationen für eine bewusste Gestaltung interner Kommunikationskulturen.
Methode
Das Forschungsprojekt nutzt eine quantitative Online-Befragung zur systematischen Erfassung der theoretisch identifizierten dysfunktionalen Effekte. Der Fragebogen beginnt mit einer Einleitung, in der Teilnehmende begrüßt und über Anonymität und Datenschutz informiert werden. Anschließend werden arbeitsbezogene Kontextvariablen erhoben (z. B. Unternehmensgröße, Anstellungsart, Remote Work) sowie zentrale abhängige Variablen wie Arbeitszufriedenheit oder Wohlbefinden, um Priming-Effekte auf die späteren Bewertungen zu vermeiden. Darauf folgt ein Abschnitt zur Nutzung informeller Kommunikation, der Häufigkeit, typische Interaktionspartner und -situationen erfasst. Die Erhebung der Dysfunktionen erfolgt darauf aufbauend. Die Items messen arbeitsbezogene, soziale, affektive und leistungsbezogene Dysfunktionen mittels Häufigkeitseinschätzungen. Abschließend werden soziodemografische Angaben (Alter, Geschlecht, Bildung) erfasst.
Ergebnisse
Bei der Auswertung der Befragungsdaten wurden im Wesentlichen zwei statistische Verfahren angewendet: Zum einen eine explorative Faktoranalyse, mit welcher vier zentrale empirische Dimensionen von Dysfunktionen identifiziert werden konnten: emotionale Belastung, Produktivitätsverlust, Falschinformationen und Exklusionsdynamiken. Und zum anderen multiple Regressionen, die Auswirkungen der Dysfunktionen auf die subjektive Arbeitseinstellung und das persönliche Wohlbefinden der Befragten analysierten. Hierbei zeigt sich, dass insbesondere die Dimensionen emotionale Belastung und Exklusionsdynamiken einen signifikanten Einfluss auf das persönliche Wohlbefinden (Stress, Wellbeing) sowie auf subjektive Arbeitseinstellungen (Jobzufriedenheit, Arbeitsmotivation, Unternehmensbindung) haben. Informations- und produktivitätsbezogene Dysfunktionen hängen seltener mit der Bewertung der Arbeitssituation und dem persönlichen Wohlbefinden zusammen.
Diese Studie legt daher nahe, dass informelle Kommunikation neben den bereits untersuchten funktionalen Effekten, systematisch auch dysfunktionale, negative Folgen für einige Befragte hat. Insbesondere Befragte, die durch informelle Gespräche emotional belastet sind oder ausgegrenzt werden, bewerten ihre Arbeitssituation schlechter und erleben insgesamt eine größere Unzufriedenheit. Diese Ergebnisse sensibilisieren Organisationen für potenzielle Risiken informeller Kommunikation und zeigen auf, in welchen Bereichen dysfunktionale Effekte auftreten können. Auf dieser Basis lassen sich gezieltere Maßnahmen ableiten, etwa zur Förderung sozialer Integration oder zum Umgang mit emotional belastenden Kommunikationsdynamiken. Auch für die Forschung ergeben sich ausgehend von den Ergebnissen konkrete Ansatzpunkte für weitere Untersuchungen, beispielsweise ein systematischer Vergleich funktionaler und dysfunktionaler Effekte informeller Kommunikation, um die ambivalente Rolle informeller Interaktionen im organisationalen Kontext differenziert zu verstehen.
Steckbrief
| Titel (deutsch): | Exklusion, Erschöpfung, Effizienzverlust - Eine quantitative Befragung zu dysfunktionalen Effekten informeller Kommunikation |
| Titel (englisch): | |
| Erhebungszeitraum: | 12/2025–01/2026 |
| Stichprobe (effektiv): | 1.424 |
| Stand der Informationen: | 13.04.2026 |
Kontakt
Amelie Hild: ahild@students.uni-mainz.de
Kathrin Kröhl: kkroehl@students.uni-mainz.de
Alina Schilling: alschill@students.uni-mainz.de
Leonie Spieth: lspieth@students.uni-mainz.de