Zwischen Selbstrechtfertigung und Fremdurteil
Eine quantitative Studie zu Wahrnehmungsdiskrepanzen informeller Kommunikation am Arbeitsplatz
Informelle Kommunikation – also kurze Gespräche am Kaffeeautomaten, im Flur oder in der Kantine – ist ein fester Bestandteil des Arbeitsalltags. Sie erfüllt wichtige Funktionen wie den Aufbau von Beziehungen, die Förderung von Zugehörigkeit und den Abbau von Stress. Aus wissenschaftlicher Sicht wurde bisher vor allem untersucht, wie häufig solche Gespräche stattfinden und welche positiven Effekte sie für Information, Zusammenarbeit und Wohlbefinden haben.
Wenig erforscht ist jedoch, wie sich die Selbst- und Fremdwahrnehmung unterscheiden. Während man die eigenen Gespräche meist als nützlich und legitim erlebt, werden die Unterhaltungen anderer oft kritischer bewertet – etwa als Ablenkung oder Zeichen von geringerer Produktivität. Dieses Spannungsfeld bildet die zentrale Forschungsfrage der Studie:
Wie unterscheidet sich die Wahrnehmung der eigenen informellen Kommunikation von der Wahrnehmung der informellen Kommunikation anderer am Arbeitsplatz?
Zur Erklärung wurden drei theoretische Perspektiven herangezogen:
Die Attributionstheorie beschreibt, dass Menschen ihr eigenes Verhalten eher auf äußere Umstände zurückführen („Ich rede, weil gerade Pause ist“), das Verhalten anderer dagegen auf persönliche Eigenschaften („Sie redet, weil sie unproduktiv ist“) (Heider, 1944, 1958; Jones & Nisbett, 1971).
Soziale Produktivitätsnormen in Organisationen erzeugen Erwartungen, stets sichtbar beschäftigt zu sein. Informelle Gespräche anderer können daher schnell als Normverstoß erscheinen (Rimal & Real, 2003; Sidorenkov & Borokhovski, 2023; Zamfir, 2021).
Der Self–Other Bias zeigt, dass Menschen sich selbst systematisch positiver einschätzen als andere. Eigene informelle Gespräche werden so als angemessen und funktional bewertet, während dieselben Verhaltensweisen bei Kolleg:innen strenger beurteilt werden (Brown, 1986; Hoorens, 1993).
Die Studie untersuchte diese Wahrnehmungsunterschiede entlang verschiedener Dimensionen (Quantität, Inhalte, Funktionen und Bewertungen) und blickte zudem auf die Themen informeller Kommunikation.
Methode
Zur Überprüfung der Hypothesen wurde eine quantitative Online-Befragung über SoSci Survey durchgeführt, die beide Perspektiven – Selbst- und Fremdwahrnehmung – erfasste. Die Teilnehmenden sollten zunächst ihre eigene informelle Kommunikation einschätzen, bezogen auf die vier Dimensionen Quantität, Inhalte, Funktionen und Bewertung. Anschließend werden sie gebeten, dieselben Dimensionen auch im Hinblick auf die informelle Kommunikation ihrer Kolleg:innen zu beurteilen. Ziel ist es, systematische Unterschiede zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung sichtbar zu machen.
Zudem wurden die Themen informeller Kommunikation über ein offenes Eingabefeld abgefragt sowie zu Beginn der Studie weitere allgemeine Informationen zur Erwerbstätigkeit der Teilnehmenden und zu ihrem informellen Kommunikationsverhalten erfasst.
Die Convenience-Stichprobe umfasst Personen im Alter von 19 bis 69 Jahren (N = 1.186), die zum Zeitpunkt der Datenerhebung erwerbstätig waren.
Ergebnisse
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Beschäftigte ihr eigenes informelles Kommunikationsverhalten systematisch positiver und normkonformer wahrnehmen als das ihrer Kolleg:innen. Sie unterschätzen die Quantität ihrer eigenen informellen Gespräche, schreiben sich weniger Small Talk, Gossip, Gerüchte und Deep Talk sowie seltener pausenbezogene und private beziehungsfördernde Funktionen zu. Gleichzeitig bewerten sie ihre eigenen Beiträge als konstruktiver, informativer, kollaborativer und als sinnvollere Nutzung der Arbeitszeit.
Die Studie zeigt zudem, dass informelle Kommunikation sich als thematisch offen erweist, mit Schwerpunkt auf privaten, aber auch gesellschaftlichen und arbeitsbezogenen Inhalten, und bewegt sich damit im fließenden Übergang zwischen formaler und informeller Kommunikation.
Die Befunde unterstreichen, dass Organisationen Wahrnehmungsverzerrungen gegenüber informeller Kommunikation aktiv adressieren und Rahmenbedingungen schaffen sollten, in denen ihr produktivitäts- und beziehungsförderliches Potenzial ohne Stigmatisierung genutzt werden kann.
Literatur
Brown, J. D. (1986). Evaluations of Self and Others: Self-Enhancement Biases in Social Judgments. Social Cognition, 4(4), 353–376. https://doi.org/10.1521/soco.1986.4.4.353
Heider, F. (1944). Social perception and phenomenal causality. Psychological Review, 51(6), 358–374. https://doi.org/10.1037/h0055425
Heider, F. (1958). The Psychology of Interpersonal Relation. Wiley.
Hoorens, V. (1993). Self-enhancement and Superiority Biases in Social Comparison. European Review of Social Psychology, 4(1), 113–139. https://doi.org/10.1080/14792779343000040
Jones, E. E., & Nisbett, R. E. (1971). The actor and the observer: Divergent perceptions of the causes of behavior. General Learning Press.
Rimal, R. N., & Real, K. (2003). Understanding the Influence of Perceived Norms on Behaviors. Communication Theory, 13(2), 184–203. https://doi.org/10.1111/j.1468-2885.2003.tb00288.x
Sidorenkov, A. V., & Borokhovski, E. F. (2023). The Role of Cohesion and Productivity Norms in Performance and Social Effectiveness of Work Groups and Informal Subgroups. Behavioral Sciences, 13(5), 361–380. https://doi.org/10.3390/bs13050361
Zamfir, C. M. (2021). Workplace Orientation: Norms, Rules, Roles and Values as Principles of Ethical Behaviour and Effective Communication. Ovidius University Annals, Economic Sciences Series, 21(1), 439–447.
Steckbrief
| Titel (deutsch): | Zwischen Selbstrechtfertigung und Fremdurteil: Eine quantitative Studie zu Wahrnehmungsdiskrepanzen informeller Kommunikation am Arbeitsplatz |
| Titel (englisch): | Between self-justification and others' judgment: A quantitative study on perception discrepancies in informal communication in the workplace |
| Erhebungszeitraum: | 10/2025–11/2025 |
| Stichprobe (effektiv): | 1.186 |
| Stand der Informationen: | 09.05.2026 |