Klimmt, Christoph; Schrimpff, Charlotte; Dittrich, Anja; Bruns, Sophie; Halfmann, Annabell; Naab, Teresa & Schmid-Petri, Hannah

Der Einfluss von genderinklusiver Sprache auf die Situationsmodelle von Nachrichtenleser*innen zu berichteten Personengruppen

Eine Replikationsstudie

Massenmedien prägen maßgeblich, welche gesellschaftlichen Realitäten Bürgerinnen wahrnehmen. Ein besonders kontrovers diskutierter Aspekt ist hierbei die Frage, ob geschlechtergerechte Sprache (gender‑fair language, GFL) in Nachrichtenberichten dazu beiträgt, Frauen – und bei Markierungen wie dem Gender‑Stern auch nicht‑binäre Personen – mental mitzudenken. Befürworterinnen argumentieren, dass der Verzicht auf das generische Maskulinum stereotype Vorstellungen aufbrechen könne; belastbare empirische Evidenz ist jedoch bislang rar, obwohl die Debatte durch populistische Schlagworte wie „Gender‑Wahn“ stark an Sichtbarkeit gewonnen hat.

Die zur Begutachtung vorliegende Studie prüft deshalb die kognitiven Effekte von GFL im Kontext journalistischer Texte. Sie knüpft an ein Experiment von Blake & Klimmt (2010) an, in dem ein Zeitungsartikel über eine Demonstration entweder das generische Maskulinum („die Erzieher“) oder gendergerechte Formulierungen („Erzieherinnen und Erzieher“, „Kita‑Angestellte“) verwendete. Nach der Lektüre schätzten die Teilnehmenden den Frauen‑ und Männeranteil unter den Demonstrierenden. Zusätzlich wurde variiert, welche Berufsgruppe demonstrierte: Erzieher*innen (stereotyp weiblich), Ärzt*innen (geschlechtsausgeglichen) oder Feuerwehrleute (stereotyp männlich).

Die Ausgangsstudie zeigte, dass GFL die mentale Präsenz von Frauen insgesamt erhöhte; der Effekt war bei der männlich konnotierten Feuerwehr am stärksten, bei Ärztinnen moderat und bei Erzieherinnen nicht nachweisbar. Damit bestätigt sich die Annahme, dass GFL vor allem dann wirksam ist, wenn sie gegen gefestigte Geschlechterstereotype arbeitet. Die geplante Replikation und Erweiterung vertieft diese Befunde und liefert so einen evidenzbasierten Beitrag zur gesellschaftlichen Diskussion um den Nutzen gendergerechter Sprache.

Methode

In der Studie wurde ein multifaktorielles Experimentaldesign verwendet mit „sprachlicher Geschlechterdarstellung in Nachrichtenberichten“ als unabhängiger Variable.

Die unabhängige Variable hatte insgesamt 18 (3x3x2) Stufen. Die ersten drei Stufen manipulierten den Grad der geschlechtergerechten Sprache mit (1) generisches Maskulinum, (2) Beidnennung plus geschlechtsneutralen Formulierungen, wo möglich, und (3) geschlechtergerechter Sprache (Verwendung von * innerhalb gruppenbeschreibender Wörter, z.B. Demonstrant*innen zur Darstellung von Protestierenden aller Geschlechter).

Darüber hinaus hatte die unabhängige Variable weitere drei Stufen, die den Beruf der Protestierenden manipulierten: (1) Müllwerker*innen (als Berufsgruppenäquivalent zu den Feuerwehrleute in der Originalstudie, da die Bezeichnung Feuerwehrleute in der Genderstern-Bedingung nicht funktioniert), (2) Ärzt*innen und (3) Erzieher*innen.

Außerdem wurde in zwei Stufen die Textlänge und die Anzahl der Erwähnungen der jeweiligen Berufsgruppe manipuliert: (1) lange Texte mit insgesamt 13 Nennungen und (2) kurze Texte mit insgesamt 7 Nennungen.

Ergebnisse

Unsere Studie konnte entgegen unserer Annahmen keinen signifikanten Haupteffekt der verschiedenen Formen gendergerechter Sprache auf den gedanklichen Einbezug von Frauen und nicht-binären Personen finden - weder in den langen, noch in den kurzen Textvarianten.

Bei zusätzlicher Berücksichtigung der jeweiligen Berufsgruppe fand sich ein kleiner signifikanter Haupteffekt der GFL-Bedingung (η2 = .023) auf den gedanklichen Einbezug von Frauen in den langen Texten. Dieser geht auf den Kontrast zwischen den Bedingungen "Generisches Maskulinum" und "Beidnennung" zurück. Zusätzlich fand sich ein großer signifikanter Haupteffekt der jeweiligen Berufsgruppe (η2 = .737). Die Interaktion war jedoch nicht signifikant.

In den kurzen Texten fand sich lediglich der signifikante Haupteffekt der Berufsgruppe (η2 = .726) auf den gedanklichen Einbezug von Frauen, der Haupteffekt der GFL-Bedingung und die Interaktion waren nicht signifikant.

Hinsichtlich der abhängigen Variable des gedanklichen Einbezugs nicht-binärer Personen fand sich unter zusätzlicher Berücksichtigung der Berufsgruppe entgegen unserer Annahmen kein signifikanter Effekt.

Literatur

Blake, C., & Klimmt, C. (2010). Geschlechtergerechte Formulierungen in Nachrichtentexten. Publizistik, 55(3), 289-304. https://doi.org/10.1007/s11616-010-0093-2

Steckbrief

Titel (deutsch): Der Einfluss von genderinklusiver Sprache auf die Situationsmodelle von Nachrichtenleser*innen zu berichteten Personengruppen: Eine Replikationsstudie
Titel (englisch): The Effect of Gender-inclusive Language on News Readers’ Situation Models of Reported Social Groups: A Replication
Erhebungszeitraum: 10/2025
Stichprobe (effektiv): 961
Stand der Informationen: 12.01.2026

Weitere Informationen

www.ijk.hmtm-hannover.de

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Christoph Klimmt

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