Kuhle, Birte; Voigt, Charmaine; Taddicken, Monika & Breuer, Johannes

Engagement mit Wissenschaftspodcasts

Eine Onlinebefragung zur Rolle parasozialer Beziehungen

Die Kommunikation wissenschaftlicher Informationen verändert sich durch neue Kommunikationstechnologien grundlegend. Die Digitalisierung hat den öffentlichen Zugang zu Informationen erweitert und neue Medienformate etabliert, die das Engagement mit Wissenschaft fördern (Taddicken & Krämer, 2021). Unter diesen haben sich Podcasts zu einem wichtigen Kanal wissenschaftlicher Kommunikation entwickelt (MacKenzie, 2019). Podcasts verbinden sachliche Inhalte mit Storytelling-Elementen, bilden die Komplexität wissenschaftlicher Prozesse durch ihre nicht-lineare, dialogische Struktur ab und schaffen einen authentischen und intimen Hörraum.

Bislang wurde jedoch kaum erforscht, ob und wie Podcasts dazu beitragen, dass sich das Publikum kognitiv, affektiv, einstellungs- und verhaltensbezogen mit Wissenschaft auseinandersetzt. Wir nehmen an, dass die persönliche Dimension von Podcasts die Entwicklung parasozialer Beziehungen (PSR) zwischen Moderator:innen und Hörer:innen begünstigt, die als emotionale und kognitive Verbindung konzipiert werden (Horton & Richard Wohl, 1956). Solche Beziehungen können die Auseinandersetzung mit Inhalten fördern, indem sie beispielsweise Moderator:innen als parasoziale Meinungsführer:innen positionieren, die als kompetent und vertrauenswürdig wahrgenommen werden und dadurch Einstellungen, Vertrauen und Interaktion in Bezug auf Wissenschaft beeinflussen können (Stehr, 2015).

Empirische Studien haben gezeigt, dass PSR beim Hören von Podcasts entstehen können (z.B. Schlütz & Hedder, 2022). Weitere Studien identifizieren PSR als zentralen Mechanismus, der während der COVID-19-Pandemie das Engagement mit Virologie-Podcasts beeinflusste (z.B. Utz et al., 2022). Die Rolle von PSR für das Engagement mit Wissenschaft jenseits des spezifischen Kontexts der COVID-19-Pandemie ist bisher jedoch unerforscht. Unsere Studie untersucht, wie Podcasts das Engagement mit Wissenschaft fördern und wie PSR diesen Prozess beeinflusst. Wir stellen die Hypothese auf, dass das Hören von Wissenschaftspodcasts positiv mit kognitiver, affektiver, einstellungs- und verhaltensbezogener Interaktion mit Wissenschaft zusammenhängt. Zudem erwarten wir, dass das Hören solcher Podcasts PSR fördert (u.a. durch Gesprächsstrategien) und dass PSR die Beziehung zwischen Hören und Engagement vermittelt.

Methode

Die präregistrierte Studie (https://osf.io/49dev) basiert auf einem mehrstufigen Forschungsprojekt zu Produktionsbedingungen und Wirksamkeit von Podcasts aus der Wissenschaft. Im ersten Schritt der vorliegenden Studie wurden die zuvor befragten Produzierenden gebeten, ihre Hörer:innen zur Teilnahme an der Befragung einzuladen. Um die Stichprobe um Hörer:innen journalistischer Wissenschaftspodcasts zu erweitern, wurden im zweiten Schritt Personen über das SoSci Panel zur Befragung eingeladen. Insgesamt nahmen 1.640 Personen im Sommer 2025 an der Befragung teil.

Der Fragebogen erfasste das Hören der Podcasts, Motivationen, PSR sowie soziodemografische Daten. Engagement wurde in vier Dimensionen operationalisiert: kognitiv (Aufmerksamkeit und Verarbeitung von Informationen), affektiv (emotionale Reaktionen), einstellungsbezogen (Vertrauen in und Überzeugungen über Wissenschaft) und verhaltensbezogen (Online- und Offline-Verhalten). Die Teilnehmenden waren überwiegend männlich, mittleren Alters und hatten einen akademischen Abschluss. Die meisten berichteten von einem allgemeinen Interesse an den in den Wissenschaftspodcasts präsentierten Themen, während einige persönlich betroffen oder beruflich mit den jeweiligen Themen befasst waren. Die Hörer:innen waren sowohl durch Unterhaltung als auch durch Information motiviert.

Ergebnisse

Erste Regressionsanalysen stützen unsere Hypothesen. Das Ausmaß des Hörens eines Podcasts hängt signifikant positiv mit affektivem, einstellungs- und verhaltensbezogenem Engagement zusammen, allerdings nicht mit kognitivem Engagement. Je mehr ein Podcast gehört wird, desto höher ist die Ausprägung an PSR, insbesondere wenn Hörer:innen interaktive Gesprächsstrategien der Moderator:innen wahrnehmen. Mediationsanalysen zeigen, dass PSR die Beziehung zwischen dem Hören eines Podcasts und dem Engagement signifikant vermittelt (indirekte Effekte für kognitives, affektives, einstellungs- und verhaltensbezogenes Engagement).

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Podcasts das Publikum in verschiedenen wissenschaftlichen Bereichen auf unterschiedlichen Engagement-Ebenen wirksam einbinden, wobei PSR als wichtiger Vermittlungsmechanismus dient. Die Entwicklung einer parasozialen Beziehung zu Moderator:innen eines Podcasts spielt eine wesentliche Rolle dafür, dass sich Hörer:innen aktiv mit den wissenschaftlichen Inhalten auseinandersetzen. Das intime Format von Podcasts scheint geeignet zu sein, um direkte Verbindungen zum Publikum aufzubauen und das Publikum über das Hören hinaus zu einem Engagement mit Wissenschaft zu aktivieren. Darüber hinaus deutet die Wahrnehmung von Gesprächsstrategien darauf hin, dass Moderator:innen gezielt intime Hörräume kultivieren.

Literatur

Horton, D., & Wohl, R. (1956). Mass communication and para-social interaction: Observations on intimacy at a distance. Psychiatry, 19(3), 215–229.

MacKenzie, L. E. (2019). Science podcasts: Analysis of global production and output from 2004 to 2018. Royal Society Open Science, 6(1), 1–18. https://doi.org/10.1098/rsos.180932

Schlütz, D., & Hedder, I. (2022). Aural Parasocial Relations: Host–Listener Relationships in Podcasts. Journal of Radio & Audio Media, 29(2), 457–474. https://doi.org/10.1080/19376529.2020.1870467

Stehr, P. (2015). Parasocial opinion leadership media personalities’ influence within parasocial relations: Theoretical conceptualization and preliminary results. International Journal of Communication, 9, 982–1001. https://doi.org/1932–8036/20150005

Taddicken, M., & Krämer, N. (2021). Public online engagement with science information: On the road to a theoretical framework and a future research agenda. Journal of Science Communication, 20(03), A05. https://doi.org/10.22323/2.20030205

Utz, S., Gaiser, F., & Wolfers, L. N. (2022). Guidance in the chaos: Effects of science communication by virologists during the COVID-19 crisis in Germany and the role of parasocial phenomena. Public Understanding of Science, 31(6), 799–817. https://doi.org/10.1177/09636625221093194

Steckbrief

Titel (deutsch): Engagement mit Wissenschaftspodcasts: Eine Onlinebefragung zur Rolle parasozialer Beziehungen
Titel (englisch): Engaging audiences with science podcasts: the mediating role of parasocial relationships
Erhebungszeitraum: 09/2025
Stichprobe (effektiv): 470
Stand der Informationen: 15.12.2025

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