„Immun gegen Fake News“
Inokulationsmaßnahmen im Kontext des Öffentlich-rechtlichen Rundfunks
Der öffentlich-rechtliche Rundfunk (ÖRR) gerät immer wieder in die Kritik und wird kontrovers diskutiert (Duvvuri & Strohmenger, 2024). Zwischen den teils berechtigten Vorwürfen aus Gesellschaft und Wissenschaft gegenüber dem ÖRR verbergen sich jedoch immer wieder Kritikpunkte, die auf falschen Prämissen beruhen und keine fundierte Grundlage besitzen, d.h. nicht empirisch-wissenschaftlich belegt sind. Im Gegensatz dazu gibt es Medienkritik, die auch empirisch belegt werden kann, z.B. dass Medien häufig sehr negativ berichten (Schultz et al., 2017). Letztere Form der Medienkritik ist für einen demokratischen Diskurs und eine Weiterentwicklung des ÖRR bedeutsam, da sie auf wissenschaftlichen Grundlagen eine Verbesserung des ÖRR ermöglicht.. Falschinformationen über den ÖRR sind jedoch problematisch, weil sie nicht nur dessen Legitimität schwächen, sondern langfristig das Vertrauen in mediale Institutionen angreifen können (Schultz et al., 2017).
Die Studie untersuchte daher, inwiefern Inokulationsmaßnahmen zum ÖRR ein wirksames Mittel gegen mediale Manipulation sein können. Inokulation bedeutet, Menschen gezielt mit abgeschwächten Formen von Falschinformationen oder möglichen Techniken ihrer Produktion zu konfrontieren, um sie dafür zu sensibilisieren und für spätere Kontakte mit Falschinformationen zu wappnen. Das geschieht vor dem eigentlichen Kontakt der Menschen mit solchen Nachrichten (McGuire, 1961). Dabei wollten wir ebenfalls überprüfen, inwiefern individuelle Merkmale die Wirksamkeit der Inokulation beeinflussen.
Methode
Zur Prüfung dieses Forschungsinteresses wurde im März und April 2025 ein Online-Experiment über das SoSci-Panel durchgeführt. Dadurch wurden Teilnehmende aus ganz Deutschland (n = 1.190) erreicht, die zwischen 16 und 90 Jahre alt waren. Die Teilnehmenden wurden zufällig auf zwei Gruppen aufgeteilt. Die Experimentalgruppe erhielt ein Inokulations-Video, das über die Mechanismen von Falschinformationen aufklärte (z. B., dass diese häufig mit Pauschalisierungen arbeiten oder eine emotionale Sprache nutzen). Die Kontrollgruppe erhielt ein reines Informationsvideo zum ÖRR. Anschließend erhielten die Teilnehmer:innen beider Gruppen eine Reihe von Online-Kommentaren zum ÖRR, die teilweise Falschinformationen enthielten. Die Teilnehmer:innen wurden gebeten, für jeden Kommentar anzugeben, ob sie ihn als Falschinformation einstufen würden. So können wir herausfinden, ob das Inokulationsvideo die Fähigkeit erhöht, falsche Informationen als solche zu erkennen. Anschließend wurden noch generelle medienzynische bzw. konstruktiv-skeptische Einstellungen gemessen.
Ergebnisse
Es zeigte sich, dass Inokulation keinen Effekt auf das Erkennen von Falschinformationen hatte. Eine Wirkung zeigte sich hingegen beim Erkennen von richtigen Informationen: Die empirisch gestützten Kommentare wurden von der Gruppe mit Inokulation besser erkannt als von der Kontrollgruppe
Ebenso hatte die Maßnahme keinen Einfluss auf die Einstellungen zum ÖRR. Auch demografische Merkmale wie Alter, Bildung und das Vertrauen in den ÖRR zeigten keinen Einfluss auf die Wirkung der Inokulation.
Bei Rezipierenden mit mittlerem Wissenschaftsvertrauen war die Inokulation gegen Falschinformationen zum ÖRR zwar wirksam, allerdings mit einem gegenteiligen bzw. unerwünschten Effekt: Konstruktiv-medienskeptische Einstellungen verringerten sich. Derselbe Effekt trat auch bei medienzynischen Aussagen zum ÖRR auf: Medienzynische Einstellungen sind bei Menschen mit mittleren Vertrauen in die Wissenschaft ebenfalls angestiegen. Daneben gab es außerdem einen Effekt bei Teilnehmenden mit geringem Vertrauen in die Wissenschaft, dort nahm die Medienskepsis zu. Bei Teilnehmenden mit hohem Vertrauen war kein Effekt zu erkennen.
Damit zeigt sich: Inokulation kann die Fähigkeit zum Erkennen richtiger Informationen im Kontext des ÖRR verbessern, unabhängig von individuellen Merkmalen oder bestehenden Einstellungen. Inokulation erweist sich somit als ein wirkungsvolles Mittel, um die Widerstandskraft gegenüber Falschinformationen zu stärken.
Literatur
Duvvuri, S. A., & Strohmenger, S. (2024). Öffentlich-rechtlicher Rundfunk in der Kritik: Ursachenanalyse und Reformbedarf. HFM Policy Papers, 5, 1–55. https://www.hsu-hh.de/hfm/wp-content/uploads/sites/598/2024/07/HFM_Paper_005.pdf
McGuire, W. J. (1961). Resistance to persuasion conferred by active and passive prior refutation of the same and alternative counterarguments. The Journal of Abnormal and Social Psychology, 63(2), 326–332. https://doi.org/10.1037/h0048344
Schultz, V. T., Jackob, N., Ziegele, M., Quiring, O., & Schemer, C. (2017). Erosion des Vertrauens zwischen Medien und Publikum? Media Perspektiven, 5, 246–259. https://www.ard-media.de/media-perspektiven/publikationsarchiv/2017/artikel/erosion-des-vertrauens-zwischen-medien-und-publikum
Steckbrief
Titel (deutsch): | „Immun gegen Fake News“ - Inokulationsmaßnahmen im Kontext des Öffentlich-rechtlichen Rundfunks |
Titel (englisch): | “Immune to fake news” - inoculation measures in the context of public service broadcasting |
Erhebungszeitraum: | 03/2025–04/2025 |
Stichprobe (effektiv): | 1.190 |
Stand der Informationen: | 21.07.2025 |
Kontakt
Anastasia Helmschrot (anastasia.helmschrot@uni-erfurt.de)