Geschlecht, Rollenbilder und Gehaltsverhandlungen
Geschlechtsunterschiede in Verhandlungen sind seit vielen Jahren ein populäres Forschungsthema, da ein Verständnis derjenigen Prozesse, die zu Geschlechtsunterschieden führen, dabei helfen könnte, Phänomene wie das Gender Pay Gap zu erklären. Eine wesentliche Erkenntnis aus der bisherigen Verhandlungsforschung besteht darin, dass Geschlechtsunterschiede nur unter bestimmten Umständen auftreten (z. B. Kugler et al., 2018), und zwar zum Beispiel dann, wenn gesellschaftliche Rollenbilder aktiviert wurden oder den Verhandelnden anderweitig präsent sind (z. B. Bowles et al., 2022; Stuhlmacher & Linnabery, 2013). Aufbauend auf dieser grundsätzlichen Erkenntnis interessierten wir uns in unserer Forschung insbesondere für interindividuelle Unterschiede innerhalb der Gruppe der Männer: Basierend auf aktuellen Theorien (z. B. Vandello & Bosson, 2013) untersuchten wir die Frage, ob Männer umso mehr in Übereinstimmung mit traditionellen Rollenbildern verhandeln wollen, je mehr sie das Gefühl haben, gesellschaftlichen Rollenbildern nicht zu entsprechen und deshalb Unbehagen empfinden (z. B. Reidy et al., 2014).
Methode
Zu Beginn erhoben wir demografische Daten (inklusive Geschlecht). Anschließend maßen wir, inwiefern die Untersuchungsteilnehmer*innen (Utn) das Gefühl hatten, traditionellen Geschlechterrollen möglicherweise nicht zu entsprechen, sowie das Ausmaß, zu dem sie deshalb Unbehagen und Stress empfanden. Darauf folgend wurde den Utn eine Verhandlungssituation beschrieben, in die sie sich hineinfühlen sollten. Es handelte sich um eine Gehaltsverhandlung, bei der die untere Gehaltsgrenze den Utn zur Orientierung vorgegeben wurde. Die Utn wurden nun gebeten, ihr Ziel für die Gehaltsverhandlung anzugeben. Ebenso wurde die Höhe des Gehalts gemessen, das die Utn beabsichtigten zu fordern. Anschließend wurde abgefragt, in welchem Ausmaß die Utn nachgiebig oder fordernd verhandeln wollen würden. Zuletzt wurde erhoben, in welchem Ausmaß die Utn Verhandlungen allgemein als eine „männlich-konnotierte“ soziale Situation wahrnehmen.
Ergebnisse
Entgegen unserer Hypothesen haben wir nicht beobachtet, dass Männer höhere Ziele hatten, ambitioniertere Forderungen stellen wollten, oder aber weniger nachgiebig jedoch fordernder verhandeln wollten, je mehr sie das Gefühl hatten, gesellschaftlichen Rollenbildern nicht zu entsprechen und deshalb von Unbehagen berichteten. Wir beobachteten lediglich, dass das Gefühl, gesellschaftlichen Rollenbildern nicht zu entsprechen und deshalb Unbehagen zu empfinden positiv mit der Wahrnehmung von Verhandlungen als einer „männlich-konnotierten“ Situation zusammenhing.
Literatur
Bowles, H. R., Thomason, B., & Macias-Alonso, I. (2022). When gender matters in organizational negotiations. Annual Review of Organizational Psychology and Organizational Behavior, 9, 199–223. https://doi.org/10.1146/annurev-orgpsych-012420-055523
Kugler, K. G., Reif, J. A. M., Kaschner, T., & Brodbeck, F. C. (2018). Gender differences in the initiation of negotiations: A meta-analysis. Psychological Bulletin, 144(2), 198–222. https://doi.org/10.1037/bul0000135
Reidy, D. E., Berke, D. S., Gentile, B., & Zeichner, A. (2014). Man enough? Masculine discrepancy stress and intimate partner violence. Personality and Individual Differences, 68, 160–164. https://doi.org/10.1016/j.paid.2014.04.021
Stuhlmacher, A. F., & Linnabery, E. (2013). Gender and negotiation: A social role analysis. In M. Olekalns, & W. Adair (Eds.), Handbook of research on negotiation (pp. 221–248). London: Edward Elgar.
Vandello, J. A., & Bosson, J. K. (2013). Hard won and easily lost: A review and synthesis of theory and research on precarious manhood. Psychology of Men & Masculinity, 14(2), 101–113. https://doi.org/10.1037/a0029826
Steckbrief
Titel (deutsch): | Geschlecht, Rollenbilder und Gehaltsverhandlungen |
Titel (englisch): | Gender, Gender Roles, and Salary Negotiations |
Erhebungszeitraum: | 02/2024–03/2024 |
Stichprobe (effektiv): | 805 |
Stand der Informationen: | 17.06.2024 |
Publikationen
Keine