Lange, Sandra & Hiemisch, Anette

Die Wirkung von Patient*inneninformationen auf kognitive und affektive Variablen

Die Patient*innenaufklärung vor einer medizinischen Maßnahme ist ein wichtiger Bestandteil der ärztlichen Tätigkeit. Zur Unterstützung des Aufklärungsgespräches werden oft standardisierte Patient*inneninformationen genutzt. Bisher existieren jedoch kaum Befunde zur Qualität oder Wirkung solcher Patient*inneninformationen und es gibt ebenfalls keinen Konsens darüber, welche Zielvariablen zur Evaluation dieser Informationen überhaupt geeignet sind.

Üblicherweise wird die Qualität der Patient*innenaufklärung im Kontext von Screening-Untersuchungen daran gemessen, wie hoch die Zustimmungsrate nach der Aufklärung ausfällt. Dieses Vorgehen ist aber ethisch problematisch (Elwyn et al., 2012), denn auch die informierte Ablehnung ist ein Qualitätsmerkmal guter Patient*innenaufklärung. Infolgedessen wird zunehmend das Konzept der informierten Entscheidung als Evaluationskriterium empfohlen (Rummer & Scheibler, 2016). Es handelt sich um ein mehrdimensionales Konstrukt, bei dem über die Erfassung des Wissenserwerbs und der Einstellung zur medizinischen Maßnahme abgeleitet werden kann, ob Patient*innen eine informierte oder uninformierte Entscheidung treffen (Marteau, Dormandy & Michie, 2001).

Für die umfassende Bewertung der Qualität einer medizinischen Aufklärung erscheint es jedoch notwendig weitere Einflussfaktoren (z. B. Risikowahrnehmung) und Konsequenzen (z. B. psychische Belastung) einer Aufklärung zu berücksichtigen und im Rahmen eines Prozessmodell zu beschreiben. Mit Hilfe der hier vorgestellten Vignetten-Studie sollen dazu erste Daten gewonnen werden.

Methode

Die Studie wurde als randomisierte und kontrollierte Vignetten-Studie durchgeführt. Die Vignette beschreibt eine fiktive Situation zur gedanklichen Vorbereitung auf ein ärztliches Aufklärungsgespräch vor einer kontrastmittelgestützten Computertomografie (CT).

Die Randomisierung erfolgte in eine von drei Versuchsbedingungen. In der Kontrollbedingung erhielten die Teilnehmenden die Standard-Patient*inneninformation. In den beiden anderen Versuchsbedingungen wurde diese Standard-Patient*inneninformation theoriegeleitet modifiziert. Zunächst wurde eine Strukturierung der Risikoinformationen zu inhaltlich sinnvollen Einheiten, mit dem Ziel den Wissenserwerb zu verbessern, vorgenommen (Miller, 1955; Cowan, 2001; Mathy & Feldman, 2021). In einer weiteren Modifikation wurden die strukturierten Risikoinformationen in einen Kontext gesetzt, um die psychische Belastung zu reduzieren (Powell et al., 2016).

Das Ziel der Studie war es, den Einfluss der modifizierten Patient*inneninformationen auf verschiedene Variablen (z.B. Risikowahrnehmung, Psychische Belastung, Verständlichkeit) zu untersuchen und hieraus relevante Einflussvariablen auf die informierte Entscheidungsfindung abzuleiten sowie ein Konzept für die Evaluation der Patient*innenaufklärung zu etablieren.

Ergebnisse

Die vorgenommene Strukturierung der Risikoinformation (Modifikation 1) wirkte sich auf einige Zielvariablen positiv aus. So waren die wahrgenommene Verständlichkeit (d = .18, 95%-KI = .01 - .35) sowie die Zufriedenheit mit der Patient*inneninformation (d = .22; 95%-KI = .05 - .39) im Vergleich zur Kontrollgruppe signifikant höher. Die wahrgenommene kognitive Überlastung durch das Lesen der Patient*inneninformation war durch die Strukturierung der Risikoinformationen signifikant geringer als in der Kontrollgruppe (d = .22; 95%-KI = .05 - .38).

Demgegenüber konnte die Strukturierung der Risikoinformationen (Modifikation 1) nicht zu einer Verbesserung des Wissenserwerbs über Risiken und Nebenwirkungen der kontrastmittelgestützten Computertomografie beitragen.

In Kontrast zu unseren Hypothesen, verringerte die psychologische Vorbereitung auf die Risikoinformationen durch Einbettung in einen Kontext (Modifikation 2) die Zufriedenheit mit der Patient*inneninformation signifikant (d = .16; 95%-KI = .003 - .33) und erhöhte die wahrgenommene kognitive Überlastung signifikant im Vergleich zur ersten Modifikation der Patient*inneninformation (d = .24; 95%-KI = .07 - .40).

Die wahrgenommene psychische Belastung war bereits in diesem hypothetischen Studienkontext hoch (MW = 37,50%; SD = 26,03%). In diesem Kontext war jedoch die psychologische Vorbereitung durch die Einbettung der Risikoinformationen in einen Kontext (Modifikation 2) nicht dazu geeignet, die psychische Belastung im Vergleich zur Kontrollgruppe sowie im Vergleich zur Modifikation 1 zu reduzieren.

Literatur

Cowan, N. (2001). The magical number 4 in short-term memory: A reconsideration of mental storage capacity. Behavioral and brain sciences, 24(1), 87-114.

Elwyn, G., Frosch, D., Thomson, R., Joseph-Williams, N., Lloyd, A., Kinnersley, P., Cording, E., Tomson, D., Dodd, C., Rollnick, S, Edwards, A. & Barry, M. (2012). Shared decision making: a model for clinical practice. Journal of general internal medicine, 27(10), 1361-1367.

Marteau, T. M., Dormandy, E., & Michie, S. (2001). A measure of informed choice. Health expectations, 4(2), 99-108.

Mathy, F., & Feldman, J. (2012). What’s magic about magic numbers? Chunking and data compression in short-term memory. Cognition, 122(3), 346-362.

Miller, G. A. (1956). The magical number seven, plus or minus two: Some limits on our capacity for processing information. Psychological review, 63(2), 81.

Powell, R., Scott, N. W., Manyande, A., Bruce, J., Vögele, C., Byrne‐Davis, L. M., Unsworth, U. Osmer, C. & Johnston, M. (2016). Psychological preparation and postoperative outcomes for adults undergoing surgery under general anaesthesia. Cochrane Database of Systematic Reviews, (5).

Rummer, A., & Scheibler, F. (2016). Patientenrechte: Informierte Entscheidung als patientenrelevanter Endpunkt. Dtsch Arztebl, 113(8), A322-A324.

Steckbrief

Titel (deutsch): Die Wirkung von Patient*inneninformationen auf kognitive und affektive Variablen
Titel (englisch): Effect of patient information on cognitive and affective variables
Erhebungszeitraum: 12/2020
Stichprobe (effektiv): 865
Stand der Informationen: 17.11.2021

Weitere Informationen

Lehrstuhl für Allgemeine Psychologie (Schwerpunkt: Kognitionspsychologie) der Universität Greifswald

Kontakt

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