Heineck, Sascha

Evaluation einer Intervention zur Stärkung der Selbstwirksamkeitserwartung zur Selbsthilfe bei depressiver Symptomatik auf Basis der Theorie geplanten Verhaltens

Depressive Erkrankungen stellen in Deutschland ein großes Problem dar. Nicht nur die Einschränkungen für die Betroffenen sind enorm, auch die Prävalenz ist mit 5.3 Millionen Betroffenen pro Jahr in Deutschland sehr hoch (Jacobi et al., 2016). Zu Bewältigungsmöglichkeiten bei Depressionen gibt es zwar viel Forschung. Diese konzentriert sich aber größtenteils auf Psychotherapie und andere Hilfsangebote.

Selbsthilfemaßnahmen werden in der Forschung zur Depressionsbewältigung noch wenig beachtet. Selbsthilfemaßnahmen werden jedoch von den meisten Menschen zur Depressionsbewältigung genutzt und sind schneller verfügbar und kostengünstiger als viele therapeutische Angebote. Orientiert an der Forschung zur Hilfesuche wird die Theorie des geplanten Verhaltens (TPB; Ajzen, 1991) als Erklärungsmodell für Selbsthilfe vorgeschlagen. In der TPB wird das Verhalten insbesondere durch die Verhaltensintention vorhergesagt. Diese wiederum wird von der Einstellung, der wahrgenommenen sozialen Norm, der wahrgenommenen Kontrollierbarkeit und der Selbstwirksamkeitserwartung (SWE) bestimmt. Besondere Beachtung wird in dieser Studie der SWE zuteil, da sie schon in Bezug auf viele Gesundheitsverhaltensweisen untersucht wurde und ein essenzieller Prädiktor für Verhaltensausführung und Gesundheitsoutcomes ist (O'Leary, 1992; Strecher, McEvoy DeVellis, Becker & Rosenstock, 1986). Deshalb ist sie häufig auch ein Ziel gesundheitspsychologischer Maßnahmen. Da für die SWE bezüglich Selbsthilfe keine Intervention identifiziert werden konnte, wird eine Kurzintervention zu deren Stärkung vorgeschlagen. Diese besteht aus einer Kurzvignette, in der mehrere Selbsthilfemaßnahmen und deren Umsetzung erklärt werden sowie einigen praktischen Übungen zu den vorgeschlagenen Maßnahmen.

Es ergeben sich für die Studie zwei zentrale Fragen:

1. Lässt sich die TPB als Theorie auf Selbsthilfe anwenden?

2. Ist die Kurzintervention für eine Stärkung der SWE (Selbsthilfe) geeignet?

Methode

Zur Beantwortung der Fragestellungen wurde eine Onlinestudie mit einer Prä-Post-Befragung sowie einer Follow-up-Befragung im Abstand von 2 Wochen entwickelt und durchgeführt. Die ausgewert¬ete Stichprobe beinhaltete 324 Personen (MAlter = 48.38; SDAlter = 15.37; 62% weiblich, 37% männlich, 0,3% divers). Mit einem Experimentaldesign (2 Gruppen x 3 Messzeitpunkte) wurde die Wirksamkeit der Kurzintervention getestet. Der Effekt der Intervention wurde über eine Varianzanalyse mit Messwiederholung geprüft. Die Vorhersage der Selbsthilfeintention durch die Prädiktoren der TPB wurde durch eine Regressionsanalyse geprüft.

Ergebnisse

Die Regressionsanalyse ergab eine signifikante Vorhersage der Selbsthilfeintention (R2 = .469).

Dabei sagten die Einstellung (β = .47) und die SWE (β = 0.29) bezüglich Selbsthilfe die Selbsthilfeintention signifikant vorher. Für die wahrgenommene Norm und die Kontrollierbarkeit konnte kein signifikanter Effekt nachgewiesen werden. Für die erste Forschungsfrage wurde geschlossen, dass sich die TPB für die Vorhersage von Selbsthilfeintentionen eignet. Es sollten bezüglich der TPB jedoch weitere Untersuchungen durchgeführt werden, die auch das Selbsthilfe¬verhalten direkt erfassen.

Die Varianzanalyse mit Messwiederholung wies auf einen signifikanten Interaktionseffekt von Gruppe und Messzeitpunkt (ηp2 = .017) in Bezug auf die SWE für Selbsthilfe hin. Es ergab sich jedoch keine signifikante Erhöhung der SWE in der Interventionsgruppe, sondern eine Senkung der SWE in der Kontrollgruppe. Dies kam vermutlich durch einen Teil der Vignette zustande, in dem depressive Symptome als Ausgangssituation beiden Gruppen präsentiert wurden. In der Interven¬tionsgruppe blieb die SWE, die auch zu Beginn hoch war, weitgehend stabil, auch in der Erhebung nach zwei Wochen. Auf Basis der Ergebnisse kann die Intervention zunächst nicht für eine Erhöhung der SWE in der genutzten Form empfohlen werden. Allerdings deuten die Ergebnisse an, dass – auch bei Konfrontation mit depressiven Symptomen – die Selbstwirksamkeit stabilisiert werden konnte. Dies könnte bedeuten, dass die Intervention dabei behilflich ist, Selbsthilfe aufrecht zu erhalten, auch wenn die Einwirkung depressiver Symptome betrachtet wird. Die Effektivität der Intervention sollte daher im nächsten Schritt an einer Stichprobe getestet werden, die tatsächlich unter Depressionen leidet. Dies war in der aktuellen Studie nicht gegeben.

Literatur

Ajzen, I. (1991). The Theory of Planned Behavior. Organizational Behavior and Human Processes, 50, 179–211. https://doi.org/10.1016/0749-5978(91)90020-T

Jacobi, F., Höfler, M., Strehle, J., Mack, S., Gerschler, A., Scholl, L. et al. (2016). Erratum zu: Psychische Störungen in der Allgemeinbevölkerung. Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland und ihr Zusatzmodul "Psychische Gesundheit" (DEGS1-MH). Der Nervenarzt, 87(1), 88–90. https://doi.org/10.1007/s00115-015-4458-7

O'Leary, A. (1992). Self-Efficacy and Health: Behavioral and Stress-Physiological Mediation. Cognitive Therapy and Research, 16(2), 229–245. https://doi.org/10.1007/BF01173490

Strecher, V. J., McEvoy DeVellis, B., Becker, M. H. & Rosenstock, I. M. (1986). The Role of Self-Efficacy in Achieving Health Behavior Change. Health Education Quarterly, 13(1), 73–91. https://doi.org/10.1177/109019818601300108

Steckbrief

Titel (deutsch): Evaluation einer Intervention zur Stärkung der Selbstwirksamkeitserwartung zur Selbsthilfe bei depressiver Symptomatik auf Basis der Theorie geplanten Verhaltens
Titel (englisch):
Erhebungszeitraum: 11/2020–12/2020
Stichprobe (effektiv): 0
Stand der Informationen: 12.03.2021

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