Maurus, Kim

„Was weiß die schon?“

Der Zusammenhang zwischen dem Geschlecht von Journalistinnen und Journalisten und wahrgenommener Glaubwürdigkeit

Journalistinnen leiden häufig unter Hass- und sexistischen Kommentaren im Internet, insbesondere wenn sie über Themen schreiben, die mit Männern assoziiert werden – etwa die Autoindustrie (Chen, Pain, Chen, Mekelburg, Springer & Troger, 2018; Gardiner, Mansfield, Anderson, Holder, Louter & Ulmanu, 2016). Die Konsequenzen solcher Kommentare für die psychische Belastung der Adressierten und der Kommentar-Moderierenden sind zahlreich untersucht worden, weniger die Auswirkungen auf andere Internet-Nutzende (Searles, Spencer & Duru, 2020). Studien deuten darauf hin, dass Internet-Nutzende durch das Lesen von hasserfüllten Online-Kommentare eine Nachrichtenquelle als weniger glaubwürdig einstufen und in ihrem Verständnis für ein Thema beeinflusst sind (Anderson, Brossard, Scheufele, Xenos & Ladwig, 2014; Xu, 2013). Die Theorie der sozialen Rollen besagt, dass wir unterschiedliche Erwartungen an das Verhalten und die Fähigkeiten unserer Mitmenschen haben – je nach deren Geschlecht (Eagly & Wood, 1999). Erfüllt eine Person eine geschlechtstypische Erwartung nicht (zum Beispiel, wenn eine Frau über Fußball schreibt), wird sie als weniger kompetent wahrgenommen (Rudman, 1998). Basierend auf diesen Annahmen untersucht die Studie den Einfluss des Geschlechts der Journalistinnen und Journalisten auf ihre wahrgenommene Glaubwürdigkeit und die ihres verfassten Artikels. Zusätzlich wird untersucht, ob andere Internet-Nutzende die Glaubwürdigkeit der Journalistinnen und Journalisten und ihrer Artikel unterschiedlich bewerten, je nachdem, welches Thema der Artikel hat und ob sexistische Kommentare darunter stehen.

Methode

Die Studie basiert auf einer Online-Befragung, in die ein Experiment eingebettet wurde. Jedem Teilnehmenden wurde ein Artikel mit drei zugehörigen fiktiven Kommentaren gezeigt. Der Artikel war ausgewiesen als geschrieben entweder von einer Frau, einem Mann, oder, als Kontroll-Bedingung, von einem Computer. Zusätzlich wurde das Thema variiert. So lasen die Teilnehmenden entweder einen Text über Frauenfilme („Frauen-Thema“) oder über Fußball („Männer-Thema“). Diese Themen wurden mittels einer Vorab-Umfrage mit 28 Personen ermittelt, bei dem die Teilnehmenden auswählten, welche Artikelüberschriften sie mit welchem Geschlecht assoziieren. Zusätzlich zum Thema unterschieden sich die zum Artikel verfassten Kommentare. So wurden entweder sexistische Kommentare oder nicht-sexistische Kommentare angezeigt. Im Anschluss bewerteten die Teilnehmenden die Glaubwürdigkeit des Verfassenden des Artikels sowie die Glaubwürdigkeit des Artikels. Kontrollvariablen wie etwa die Identifizierung mit dem eigenen Geschlecht sowie die eigene sexistische Einstellung wurden zusätzlich erhoben.

Ergebnisse

Über das Sosci Panel nahmen insgesamt 449 Menschen an der Befragung teil. 30 Personen wurden bei der Datenauswertung ausgeschlossen, weil sie angaben, die Fragen unkonzentriert beantwortet zu haben oder weil sie den Fragebogen zu schnell ausgefüllt hatten. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass es keinen grundsätzlichen Unterschied in der Glaubwürdigkeit zwischen Journalistinnen und Journalisten gibt. Das Thema des Artikels machte nur in einem bestimmten Fall einen Unterschied: Ein Journalist, der über Frauenfilme schreibt, wurde als weniger glaubwürdig wahrgenommen als ein Journalist, der über Fußball schreibt. Für Journalistinnen gab es diesen Effekt nicht. Die sexistischen Kommentare führten zu Ergebnissen entgegen der Erwartungen: Wies der Artikel einer Frau sexistische Kommentare auf, wurden sie und ihr Artikel als glaubwürdiger eingeschätzt, als wenn die Kommentare nicht sexistisch waren. Dieser Effekt wiederholte sich, betrachtete man nur die Teilnehmerinnen der Umfrage. Für die männlichen Teilnehmer machten die sexistischen Kommentare keinen Unterschied in ihrer Bewertung. Die Studie interpretiert dieses Ergebnis als eine Art „Verteidigungsstrategie“ von Frauen für Frauen: Die weiblichen Nutzenden scheinen die in den Kommentaren attackierte Journalistin mit einer höher zugeschriebenen Glaubwürdigkeit „unterstützen“ zu wollen. Die Studienergebnisse deuten zudem an, dass bösartige Kommentare nicht zwangsläufig einen negativen Effekt für Dritte haben.

Literatur

Über das Sosci Panel nahmen insgesamt 449 Menschen an der Befragung teil. 30 Personen wurden bei der Datenauswertung ausgeschlossen, weil sie angaben, die Fragen unkonzentriert beantwortet zu haben oder weil sie den Fragebogen zu schnell ausgefüllt hatten. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass es keinen grundsätzlichen Unterschied in der Glaubwürdigkeit zwischen Journalistinnen und Journalisten gibt. Das Thema des Artikels machte nur in einem bestimmten Fall einen Unterschied: Ein Journalist, der über Frauenfilme schreibt, wurde als weniger glaubwürdig wahrgenommen als ein Journalist, der über Fußball schreibt. Für Journalistinnen gab es diesen Effekt nicht. Die sexistischen Kommentare führten zu Ergebnissen entgegen der Erwartungen: Wies der Artikel einer Frau sexistische Kommentare auf, wurden sie und ihr Artikel als glaubwürdiger eingeschätzt, als wenn die Kommentare nicht sexistisch waren. Dieser Effekt wiederholte sich, betrachtete man nur die Teilnehmerinnen der Umfrage. Für die männlichen Teilnehmer machten die sexistischen Kommentare keinen Unterschied in ihrer Bewertung. Die Studie interpretiert dieses Ergebnis als eine Art „Verteidigungsstrategie“ von Frauen für Frauen: Die weiblichen Nutzenden scheinen die in den Kommentaren attackierte Journalistin mit einer höher zugeschriebenen Glaubwürdigkeit „unterstützen“ zu wollen. Die Studienergebnisse deuten zudem an, dass bösartige Kommentare nicht zwangsläufig einen negativen Effekt für Dritte haben.

Steckbrief

Titel (deutsch): „Was weiß die schon?“ – Der Zusammenhang zwischen dem Geschlecht von Journalistinnen und Journalisten und wahrgenommener Glaubwürdigkeit
Titel (englisch): “She’s a Woman, What Does She Know?” – The Relationship Between Journalists’ Gender and Perceived Credibility
Erhebungszeitraum: 06/2020–07/2020
Stichprobe (effektiv): 419
Stand der Informationen: 11.01.2021

Kontakt

Kim Maurus, Uni Leipzig

km88noru@studserv.uni-leipzig.de

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