Tisch, Daria & Gutfleisch, Tamara

Ungleich aber gerecht?

Gerechtigkeitsprinzipien bei elterlichen Schenkungen

Schenkungen von Eltern an deren Kinder sind von der moralischen Entscheidung geprägt, welches Kind wie viel erhalten soll. So können Eltern Schenkungen zwischen Kindern nach unterschiedlichen Gerechtigkeitsprinzipien aufteilen. Wenden sie das Gleichheitsprinzip an, schenken sie allen Kindern gleich viel. Wenden sie das Bedürfnisprinzip an, schenken sie den Kindern, die größere Bedürfnisse haben (z. B. Arbeitslosigkeit), mehr. Wenden sie das Austauschprinzip an, schenken sie den Kindern mehr, die im Gegenzug mehr für die Eltern machen (z. B. im Haushalt der Eltern helfen). Wenden sie das Anspruchsprinzip an, schenken sie den Kindern mehr, die bestimmte angeborene Statuscharakteristiken haben (z. B. Erstgeborene). Wir untersuchen in unserer Studie, inwiefern diese Prinzipien im Kontext von elterlichen Schenkungen von den Befragten befürwortet werden. Zudem analysieren wir, ob die Befragten diese Prinzipien im selben Maße für Töchter und Söhne unterstützen.

Im Gegensatz zu Erbschaften werden Schenkungen häufig ungleich auf Kinder verteilt. Zudem wiesen einige Studien auf geschlechtsspezifische Ungleichheiten diesbezüglich hin. Zu untersuchen, unter welchen Bedingungen diese (geschlechtsspezifischen) Ungleichheiten als fair erachtet werden, ist wichtig, um die Mechanismen hinter diesen Ungleichheiten besser zu verstehen.

Methode

In einem multifaktoriellen Umfrageexperiment wurden die Befragten aufgefordert, verschiedene Vignetten zu lesen. In diesen Vignetten wurde ein fiktives Ehepaar mit einem Sohn und einer Tochter beschrieben, das 10,000 Euro zwischen den beiden Kindern aufteilen möchte. In den unterschiedlichen Vignetten haben wir die Eigenschaften der Kinder systematisch variiert (welches Kind arbeitslos ist, welches Kind im Haushalt der Eltern hilft und welches Kind erstgeboren ist). Einige Eigenschaften der Kinder wurden konstant gehalten (z. B. die Beziehung zu den Eltern). Jede befragte Person hat zufällig 3 von insgesamt 27 Vignetten erhalten. Nach dem Lesen jeder Vignette sollten die Befragten angeben, wie die fiktiven Eltern die 10,000 Euro fair auf ihre Kinder aufteilen sollten.

Ergebnisse

Unabhängig von den Eigenschaften der fiktiven Kinder, haben 65% der Befragten die 10,000 Euro gleichmäßig auf die beiden Kinder aufgeteilt und folgten demnach dem Gleichheitsprinzip. Auch wenn wir keine Hinweise auf das Anspruchsprinzip in der gesamten Stichprobe fanden, zeigte sich, dass Befragte, die älter als 65 Jahre sind, und männliche Befragte, glauben, dass erstgeborene Söhne zu einem größeren Teil der Schenkungen berechtigt sind. Des Weiteren konnten wir zeigen, dass die Befragten das Austauschprinzip und das Bedürfnisprinzip ungefähr in gleichem Maße anwenden. Spannenderweise wurde sowohl das Austauschprinzip als auch das Bedürfnisprinzip geschlechterspezifisch angewandt. Arbeitslose Töchter erhielten einen größeren Schenkungsanteil als arbeitslöse Söhne, wohingegen Söhne, die im Haushalt helfen, einen größeren Anteil erhielten als Töchter, die im Haushalt helfen. Unsere Ergebnisse weisen darauf hin, dass geschlechterspezifische Gerechtigkeitsvorstellungen dazu beitragen, Geschlechterunterschiede in Schenkungen zu erklären.

Steckbrief

Titel (deutsch): Ungleich aber gerecht? Gerechtigkeitsprinzipien bei elterlichen Schenkungen
Titel (englisch): Unequal but fair? Principles of justice in parental gifts
Erhebungszeitraum: 05/2020–06/2020
Stichprobe (effektiv): 0
Stand der Informationen: 16.11.2020

Kontakt

Daria Tisch

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