Onlinebefragung

Do we fall for Fake News?

Geise, Stephanie; Haenelt, Maria & Flemming, Felix

Do we fall for Fake News?

Identifikation von Fake News durch die Rezipienten

Politische Fehl- und Desinformationen waren schon immer ein Instrument, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Insofern sind auch Nachrichten, die absichtlich falsche Informationen enthalten, aus medienhistorischer Perspektive kein "post-modernes" Phänomen (Lazer et al., 2017, S. 4; Uberti, 2016). Entsprechend zeigt sich, dass der Begriff Fake News in der akademischen Forschung keinesfalls neu ist, sondern eine lange Tradition hat und sich auf eine Vielzahl von Informationsphänomenen bezieht, die von Nachrichtensatire und Nachrichtenparodie bis hin zu Werbung und Propaganda reichen. Im Rahmen der letzten Wahlkämpfe, insbesondere der US-Präsidentschaftswahl 2016, hat der Begriff jedoch erneut an Popularität gewonnen. Im Rahmen unserer Forschungsarbeiten verstehen wir Fake News als in den Medien als Nachrichten publizierte Berichte über aktuelle Ereignisse oder Sachverhalte, die bewusst sachlich falsche Informationen (sog. "Fakes") beinhalten und/oder sachlich korrekte Informationen bewusst in einen sachlich falschen Kontext stellen.

Als Konsequenz auf die Präsenz von Fake News ließ sich entsprechend eine kritische Reflexion über deren demokratietheoretisch dysfunktionales Potential beobachten. Insbesondere wurden Befürchtungen geäußert, dass Medienrezipienten zunehmend Fake News ausgesetzt sind, wobei Meinungsbildungs- und Abstimmungsentscheidungen insbesondere in Online- und Social-Media-Angeboten manipuliert werden könnten. Auf Seiten der Rezipienten könnten Fake News zu Desinformation und Missperzeptionen führen, d.h. zu Fehlwahrnehmungen in Form von sachlich falschen Überzeugungen über den Zustand der Welt. Insofern kann die Verbreitung und Rezeption von Fake News die Grundlage politischer Debatten und Informationsvermittlungen in demokratischen Gesellschaften in Frage stellen (Bakir & McStay, 2017, Lazer et al., 2017). Dabei deuten Befragungsstudien an, dass es sich bei Fake News auch im deutschen Kontext um ein relevantes Phänomen handelt.

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt liegen noch wenige Studien vor, die die Rezeption, Wahrnehmung und Einordnung von Fake News beleuchten. Eine - unseres Wissens nach - von der Forschung noch kaum adressierte Frage richtet sich auf den Prozess der Identifi-kation von Fake News durch Rezipierende. Unsere Studie fokussierte sich demnach auf folgende Fragestellungen:

FF1: Erkennen Rezipienten, wenn sie mit Fake News konfrontiert werden?

FF2: Woran - das heißt an welchen Artikelmerkmalen - erkennen sie, dass es sich um Fake News handelt?

Methode und Design

Zur Ermittlung der Fragestellungen haben wir ein Onlineexperiment durchgeführt. Für die Treatment-Manipulation im Rahmen eines 2x4-Experimentaldesigns (between-subject) wurde - ausgehend von realen Nachrichtenbeiträgen - jeweils eins von vier Fake News-typischen Online-Artikelmerkmalen verändert. Dabei orientierten wir uns an den von Wardle (2017) aufgestellten Konstruktionsmerkmalen von Fake News. Aufgrund der Trennschärfe der Konstruktionsmerkmale fiel die Entscheidung auf folgende vier Features:

1. Sachlich falsche inhaltliche Informationen (hier: in Form numerischer Fakten; Angabe zur statistischen Häufigkeit mit dem Faktor 10 multipliziert).

2. Sachlich falsche inhaltliche Verbindungen (hier: falsch kontextualisiertes Nachrichtenbild; Bild zeigte ein Kind, nicht einen politischen Oppositionsführer)

3. Verfälschende, verzerrende Interpretation (hier: polarisierende, übertreibende Interpretation der dar-gestellten Fakten durch Kommentar eines Experten der Online-Plattform "Breitbart")

4. komplett fingierter/manipulierter, frei erfundener Inhalt (hier: textlicher Hinweis auf ein frei erfundenes Ereignis, das so nicht stattgefunden hat.

Die Rekrutierung der Teilnehmer erfolgte über das SoSci-Panel. Der Fragebogen wurde mit der Befragungssoftware Unipark programmiert. Um unser Forschungsinteresse zu adressieren, wurde unsere Stichprobe randomisiert in zwei Gruppen aufgeteilt. Jeder Teilnehmer wurde mit 4 Nachrichtenbeiträgen konfrontiert (davon 2 als Fake News manipuliert). Jeweils nach jedem Nachrichtenbeitrag wurden die Teilnehmer gebeten, die wahrgenommene Bekanntheit, die Übereinstimmung mit den geäußerten Positionen sowie die journalistische Qualität des Nachrichtenbeitrags auf einer 5-stufigen Likert-Skala zu bewerten (jeweils: 5=hoch; 1=niedrig). Erst nach dieser Messung folgte ein Debriefing, in dem die Teilnehmer auf den Zweck der Studie aufgeklärt wurden. Um die Frage zu beantworten, auf welchen Artikelmerkmale eine geringe Qualitätsbewertung und FN-Identifikation gründete, wurden sie nach der Aufklärung gestützt gebeten, sich die Beiträge noch einmal anzuschauen und auf dieser Basis mögliche «Fehlerquellen» (bzw. «Fake News Cues») anzugeben.

Zentrale Measures

Qualitätsbewertung der Nachrichtenbeiträge: Für die Messung der Bewertung der Nachrichtenbeiträge durch die Teilnehmer haben wir auf die Konzepte der journalistischen Qualität von Brosius und Birk (1994) und Wolling (2002) zurückgegriffen, und dabei v.a. Items operationalisiert die mit un-/seriösen Nachrichteninhalten (z. B. Genauigkeit; vgl. Wardle, 2017) in Verbindung gebracht werden können. Eine Faktorenanalyse führte zu der Analyse dreier Bewertungskriterien im Hinblick auf die Qualitätsbewertung: Die inhaltliche Aufbereitung des Beitrags, die Gestaltung und Präsentation sowie die Akkuranz (die Fake Newsability) des Artikels.

Fake News Identifikation/Manipulation check: Die Prüfung, ob die Fake News-Manipulation funktionierte, wurde über eine Frage abgebildet, mit der die Befragten den Artikel als Fake News einschätzten. Hierzu wurden die Teilnehmer gebeten, auf einer Skala zu bewerten, mit welcher Wahrscheinlichkeit sie vermuteten, dass der gelesene falsche Informationen enthalte (von 1= "sehr unwahrscheinlich" bis 5= "sehr wahrscheinlich").

Fake News Cues: Neben der Qualitätsbewertung und der Einschätzung des Nachrichtenbeitrags als real oder «fake» sollten die Teilnehmer angeben, auf welchen Kriterien sie ihre Einschätzung eines Beitrags als Fake News basierten. Hierzu konnten sie aus einer Liste mit Fake-News-typischen Artikelmerkmale (wie von Wardle (2017) beschrieben), selektieren (Mehrfachauswahl möglich). Antwortvorgaben waren u.a. "Bilder des Beitrags wurden in einem falschen Kontext dargestellt."; "Im Beitrag genannte Quellen nicht glaubwürdig"; „Einzelne im Beitrag genannte Fakten sind sachlich falsch"; "Fakten des Beitrags wurden in einem falschen Kontext dargestellt oder falsch interpretiert."; "Der Beitrag entspricht so nicht der Wahrheit / die Ereignisse haben so nicht stattgefunden."

Ergebnisse

Als übergeordneter Befund zeigt sich, dass der Großteil der Rezipienten in einer Situation, ähnlich einer möglichst alltäglichen Online-Nachrichtenrezeption, große Schwierigkeiten haben, Fake News auch als solche zu erkennen - und zwar sowohl gestützt als auch ungeschützt. Selbst im Rahmen der Zweitrezeption der Beiträge nach erfolgtem Debriefing - für die wir die Teilnehmer durch unsere Aufklärung bewusst für die Auseinandersetzung mit Fake News sensibilisiert und eine nochmalige, reflektiertere Rezeption angeregt hatten - zeigt sich, dass den Rezipienten eine Identifikation der Beiträge als Fake News auf Basis der Fake News-typischen Artikelmerkmale nur selten korrekt gelingt. Am auffälligsten zeigt sich dieses Resultat bei dem Fake News-Artikel im Hinblick auf eine Manipulation der im Artikel vorgenommenen Interpretation. Von den 270 Personen, die den Fake-Artikel in Gruppe 1 gesehen haben, haben ihn nach dem Debriefing lediglich 32 auch als Fake News identifiziert (knapp 13%). Von den Personen wiederum, die den Fake-Beitrag korrekt identifiziert haben, konnte dann gerade einmal die Hälfte (63%) korrekt das von uns manipulierte Artikelmerkmal als "Identifikator" des Beitrags benennen. Auch, wenn sich dieses Ergebnis strukturell über alle Themen und Fake News-Cues zeigt, ergeben sich auch hier Unterschiede zwischen den verschiedenen Beiträgen: so gelang den Befragten die Identifikation des Faken News-Beitrag, für die Fakten-Manipulation deutlich besser. Hier konnten immerhin die Hälfte der Befragten den Fake-Artikel richtig bestimmen. 66 der 131 Befragten konnten hier auch den entsprechend richtigen Hinweisreiz zuordnen. Obwohl unser primäres Forschungsinteresse der Identifikation von Fake News anhand von Artikelmerkmalen gilt, drängt sich angesichts der hier skizzierten Unterschiede die Frage auf, inwieweit die Differenzen themeninduziert sind.

Eine Diskrepanz bei der Identifikation der entsprechenden Fake News Beiträge sowie Differenzen innerhalb der vier Stimuli zeigt sich bei der Qualitätsbewertung der Artikel, bezüglich derer wir die drei Dimensionen abgefragt haben. Die Befunde zur Quality Valuation der rezipierten Artikel zeigen, dass die Fake News-Artikel, die faktisch sachlich falsche Information Cues enthielten, bis auf eine Ausnahme (nämlich der Artikel mit den Fakten Fakes) von den Rezipienten ähnlich bewertet wurden wie die Originalbeiträge in der jeweiligen Kontrollgruppe. Das Vorhandensein von Informationseinheiten, die sachlich falsche Informationen transportieren - wie sie Wardle (2017) als "Konstruktionsmerkmale" von Fake News beschreibt - führt aus Sicht der Rezipienten also nicht zu einer durchgängig schlechteren Qualitätsbewertung. Eine mögliche Erklärung hierfür ist, dass die Rezipienten die von uns manipulierten Informationseinheiten im Rahmen einer eher flüchtigen Rezeption schlicht nicht erkennen bzw. diese nicht als Zeichen mangelnder Qualität der Nachrichtenbeiträge auffassen. Beim Vergleich der manipulierten Beiträge zeigen sich dabei einige Unterschiede, die möglicherweise themenspezifisch erklärt werden können, für uns aber keine themeninduzierte Systematik zeigen.

Entsprechend der erläuterten Befunde zu der bedingt gelingenden Identifikation und Wahrnehmung von Fake News sind Unterschiede zwischen Treatment- und Kontrollgruppen der vier Nachrichtenbeiträge vorhanden, wenn auch vergleichsweise gering. Statistisch signifikante Unterschiede sind in allen Qualitätsdimensionen vor allem bezüglich des Artikels der Fakten-Fakes feststellbar. Offensichtlich sind die inhaltliche Aufbereitung sowie die Gestaltung und Präsentation des Artikels keine Qualitätsdimensionen, die von Rezipienten erkannt bzw. maßgeblich für die Identifikation von Fake News herangezogen werden.

Diskussion

Bezüglich der Identifikation und Wahrnehmung von Fake News zeigen unsere Ergebnisse, dass die Empfänger - selbst nach nachträglicher Sensibilisierung für deren Existenz - nur teilweise in der Lage waren, Fake News auch als solche zu erkennen. In Bezug auf die Qualitätsbewertung zwischen Fake- und Originalbeiträgen fanden wir dabei einige statistisch signifikante Unterschiede. Dennoch waren die festgestellten Diskrepanzen nicht so deutlich und hoch wie erwartet, was die systematisch niedrigeren Genauigkeitsbewertungen der getesteten, gefälschten Nachrichtenartikel betrifft.

Im Hinblick auf die von Rezipienten zur Identifikation der Fake News herangezogenen Hinweisreize zeigen unsere Befunde, dass Rezipienten die von Wardle (2017) beschriebenen “Konstruktionsmerkmale" von Fake News im Rahmen ihrer vermutlich eher flüchtigen Betrachtung schlicht nicht erkennen bzw. diese nicht als Zeichen mangelnder Qualität der Nachrichtenbeiträge auffassen. Der geäußerte Vorschlag, Rezipienten mit Informationen über derartige Cues für die Rezeption von Fake News zu immunisieren (Wandel 2017), muss damit kritisch bewertet werden.

Vor dem Hintergrund der Überlegungen, dass soziale Medien und Online-Nachrichtenseiten zwar eine zunehmende Rolle für die Rezeption von politischen Informationen und Nachrichten spielen, Rezipienten aber nur begrenzt in der Lage sind, Inhalte aus Onlinequellen zu verifizieren und direkt auf ihre Richtigkeit und Qualität hin zu überprüfen (Brandtzaeg et al. 2017), sind unsere Befunde aber wenig überraschend: Vermutlich sind Rezipienten bisher noch nicht daran gewöhnt, mit gefälschten Nachrichtenbeiträgen in Kontakt zu kommen und haben entsprechend noch keine Rezeptions- und Bewertungsroutinen entwickelt, um mit diesen adäquat umzugehen.

Zwar nimmt Umfragen zufolge, das Vertrauen in Medien ab (z. B. Infratest 2017) und allgemein wird die steigende Präsenz von Fake News (Forsa 2017) auch von den Nutzern wahrgenommen, doch hat dies auf Seiten der Empfänger möglicherweise noch nicht zu einer tiefgreifend kritischen Haltung geführt, die ihre tägliche Nachrichtenrezeption prägt. So wird zwar die Präsenz von Fake News von den Rezipienten als theoretisches Risiko wahrgenommen, doch hat sich daraus offenbar noch keine kritische Rezeptionshaltung ergeben. In diesem Fall dürften die Bemühungen einiger Forscher, Aktivisten, Medienorganisationen und von professionellen Kommunikatoren "Checklisten" mit Hinweisen und Merkmalen zu erstellen, anhand derer Empfänger Fake News identifizieren können (z. B. Wardle 2017), ins Leere laufen; derartige Bemühungen stehen und fallen mit der Kompetenz der Empfänger tatsächlich reale Nachrichten von Fake News unterscheiden zu können und die Richtigkeit von Nachrichten anhand solcher Identifikatoren zu überprüfen. Unsere Studie deutet an, dass die Empfänger noch nicht auf solche vorgeschlagenen Identifikatoren zurückgreifen können.

Steckbrief

Titel (deutsch): Do we fall for Fake News? Identifikation von Fake News durch die Rezipienten
Titel (englisch): Do we fall for Fake News? Identification of Fake News by Recipients
Erhebungszeitraum: 08/2017–09/2017
Stichprobe (effektiv): 532
Stand der Informationen: 12.02.2018

Kontakt

Stephanie Geise

Maria Hänelt

Felix Flemming

© 2009-2018 SoSci Panel