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Binge-Watching zwischen Kontrollverlust & A...

Granow, Viola

Binge-Watching zwischen Kontrollverlust & Autonomieempfinden

Eine Studie zur Auswirkung intensiver Seriennutzung auf das Wohlbefinden der Nutzer.

Binge-Watching – konsekutive Seriennutzung – hat sich zu einem prävalenten Rezeptionsphänomen von medialen Unterhaltungsangeboten entwickelt. Video-on-Demand-Dienste begünstigen die spezielle Rezeptionsweise serieller Angebote (Pittman & Sheehan, 2015; Jenner, 2016).

Unterhaltungsrezeption im Allgemeinen und Binge-Watching im Speziellen werden dabei sowohl mit Chancen als auch Risiken für das subjektive Wohlbefinden der Rezipienten assoziiert: Einerseits kann Binge-Watching das Wohlbefinden durch medieninduziertes Vergnügen oder Erholungseffekte steigern, andererseits gefährdet es das Wohlbefinden möglicherweise, indem die umfangreiche Serienrezeption als eine Gefahr für das Erreichen langfristiger Ziele wahrgenommen wird und die Entstehung von Schuldgefühlen nach sich zieht (Reinecke & Hofmann, 2016; de Feijter, Khan & van Gisbergen, 2016).

Bisherige Forschung zum Thema Binge-Watching bezog sich verstärkt auf potenzielle negative Auswirkungen der Rezeptionsweise (z.B. Sung, Kang & Lee, 2015; Walton-Pattison, Dombrowski & Presseau, 2016). Ebenso fehlt bisher eine einheitliche Definition der Nutzungsweise innerhalb der kommunikationswissenschaftlichen Forschung. Ziel der Studie war es deshalb, das Rezeptionsphänomen des Binge-Watchings zunächst im Rahmen einer Skalenentwicklung zu operationalisieren, um anschließend Gefahren und Potenziale der Nutzungsweise für das subjektive Wohlbefinden der Rezipienten gegenüberstellend zu untersuchen.

Hierzu wurden über das SoSci-Panel 358 Personen zu ihrem Seriennutzungsverhalten befragt. Die Studie zeigt, dass die Neigung zu Binge-Watching-Verhalten sich – in Abhängigkeit der individuellen Selbstkontrollkapazität – sowohl positiv als auch negativ auf verschiedene Indikatoren von Wohlbefinden (Erholung, Vitalität und Vergnügen) auswirken kann: Binge-Watching kann als erholsam wahrgenommen werden, solange Kontrollverlust und Zielkonflikte und damit die Entstehung von Schuldgefühlen verhindert werden. Aufgrund der Rezeption aufkommende Schuldgefühle hingegen führen dazu, dass die Mediennutzung dysfunktional wird, da ein schlechtes Gewissen sich negativ auf die Indikatoren von Wohlbefinden auswirkt. Positiv wird das Wohlbefinden hingegen durch Autonomieempfinden bei der Seriennutzung beeinflusst.

Die Studie liefert damit erste Erkenntnisse in Bezug auf Auswirkungen der Nutzungsform auf das subjektive Wohlbefinden. Sie ermöglicht einen ganzheitlichen Blick auf potenzielle Konsequenzen der Nutzungsweise, da positive und negative Aspekte gegenüberstellend betrachtet werden. Besonders interessant ist hieran, dass die Studie – entgegen der bereits bestehenden Forschung (z.B. Sung et al., 2015) – durchaus positive Wirkungen des gehäuften Seriennutzungsverhaltens auf die Rezipienten ausmachen kann. Damit liefert die Forschung einen tieferen Einblick in ein bisher wenig und eher einseitig negativ erforschtes Feld der Kommunikationswissenschaft.

Literatur

de Feijter, D., Khan, V.-J., & van Gisbergen, M. (2016). Confessions of A 'Guilty' Couch Potato Understanding and Using Context to Optimize Binge-watching Behavior. TVX '16: Proceedings of the ACM International Conference on Interactive Experiences for TV and Online Video, S. 59–67.

Jenner, M. (2016). Is this TVIV? On netflix, TVIII and binge-watching. New Media & Society, 18(2), S. 257–273. doi: 10.1177/1461444814541523.

Pittmann, M., & Sheehan, K. (2015). Sprinting a media marathon: Uses and gratifications of binge-watching television through Netflix. First Monday, Oct. 2015, URL: http://firstmonday.org/ojs/index.php/fm/article/ view/6138/4999]

Reinecke, L., & Hofmann, W. (2016). Slacking off or winding down? An experience sampling study on the drivers and consequences of media use for recovery versus procrastination. Human Communication Research, 42(3), S. 441–461.

Sung, Y. H., Kang, E. Y., & Lee, W. N. (2015). A Bad Habit for Your Health? An Exploration of Psychological Factors for Binge-Watching Behavior. Paper presented at the 65th Annual International Communication Association Conference, San Juan, Puerto Rico.

Walton-Pattison, E., Dombrowski, S.U., & Presseau, J. (2016): ‘Just one more episode’: Frequency and theoretical correlates of television binge watching. Journal of Health Psychology, 1–8. doi: 10.1177/1359105316643379

Steckbrief

Titel (deutsch): Binge-Watching zwischen Kontrollverlust & Autonomieempfinden: Eine Studie zur Auswirkung intensiver Seriennutzung auf das Wohlbefinden der Nutzer.
Titel (englisch): Between lack of control and perceived autonomy: A study on the effects of binge-watching on user’s well-being.
Erhebungszeitraum: 05/2017–06/2017
Stichprobe (effektiv): 358
Stand der Informationen: 23.08.2017

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