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Was ist „Stalking“?

Hellmann, Deborah F.

Was ist „Stalking“?

Die Bedeutung des Gerechte-Welt-Glaubens bei der Bewertung von belästigendem Verhalten

Nachstellung (vgl. § 238 StGB) lässt sich verkürzt definieren als obsessives Verfolgen und Belästigen eines anderen Menschen gegen dessen Willen (z. B. Mullen & Pathé, 2002). Allerdings herrscht weder in der Wissenschaft (bzw. innerhalb der einzelnen Fachgebiete), noch im Alltagsverständnis Einigkeit darüber, was genau unter „Stalking“ zu verstehen ist.

Die Bewertung von belästigendem Verhalten als Stalking hängt (unter anderem) wesentlich von der vorherigen Täter-Opfer-Beziehung ab: So werden beispielsweise Belästigungen durch einen fremden vs. bekannten Täter als typischer eingestuft (z. B. Weller, Sheridan & Hope, 2013). Als mögliche Erklärung wird der Glaube an eine Gerechte Welt (GWG) nach Lerner (1980) in der Literatur diskutiert.

In der vorliegenden Studie wurde untersucht, inwiefern die Vorbeziehung zwischen Täter und Opfer sowie das Geschlecht der Beteiligten die Bewertung von Stalking-Szenarien beeinflussen und ob der Zusammenhang durch den GWG moderiert wird. Weiterhin war von Interesse, ob sich Männer vs. Frauen in ihren Bewertungen der Belästigungen unterscheiden.

Die Versuchspersonen lasen zunächst eine kurze Vignette über einen Fall von Stalking, danach bewerteten sie das beschriebene Szenario anhand unterschiedlicher Dimensionen. Zusätzlich wurde der GWG (Dalbert, Montada & Schmitt, 1998) erfasst. Zwischen den Vignetten variierte zum einen die Geschlechterkonstellation (Frau stalkt Mann vs. Mann stalkt Frau) und zum anderen, ob es sich bei dem/r Täter/in um eine fremde Person vs. eine/n Ex-Partner/in handelte.

Überraschend war, dass Männer das Szenario „Mann stalkt Frau“ als typischer für Stalking bewerteten als das Szenario „Frau stalkt Mann“, während sich dieser Effekt für die weiblichen Versuchspersonen nicht nachweisen ließ. Frauen schätzten wiederum Belästigungen durch eine fremde Person (vs. eine/n Ex-Partner/in) als typischer für Stalking ein, gleichzeitig trat dieser Unterschied in der männlichen Stichprobe nicht auf. Interaktionen zwischen den unabhängigen Variablen oder Effekte des Gerechte-Welt-Glaubens ließen sich diesbezüglich nicht nachweisen. Stattdessen korrelierte der GWG mit der Schuldzuschreibung: Personen mit einem hohen GWG schrieben dem Opfer mehr bzw. dem/r Täter/in weniger Schuld und Verantwortung zu als Personen mit einem niedrigen GWG.

Diese Ergebnisse sind von praktischer Relevanz, da epidemiologische Studien wiederholt aufgezeigt haben, dass Stalking typischerweise von Männern gegen Frauen verübt wird und Ex-Partner deutlich häufiger Stalking ausüben als Fremde (siehe z. B. Hellmann & Kliem, 2015). Insofern verfügten die männlichen Versuchspersonen in der vorliegenden Studie über eine realitätsnähere Konzeption von Stalking. Ein interessanter Ansatz für zukünftige Forschung könnte in der Berücksichtigung des Einflusses eigener Viktimisierungserfahrungen auf die Bewertung von Stalking liegen.

Literatur

Dalbert, C., Montada, L. & Schmitt, M. (1987). Glaube an die gerechte Welt als Motiv: Validierungskorrelate zweier Skalen. Psychologische Beiträge, 29, 596-615.

Hellmann, D. F. & Kliem, S. (2015). The prevalence of stalking – Current data from a German victim survey. European Journal of Criminology. doi 10.1177/1477370815587769

Lerner, M. J. (1980). The belief in a just world: A fundamental delusion. New York, NY: Plenum Press.

Mullen, P. E. & Pathe, M. (2002). Stalking. Crime and Justice, 29, 273-318.

Weller, M., Hope, L. & Sheridan, L. (2013). Police and public perceptions of stalking: The role of prior victim-offender relationship. Journal of Interpersonal Violence, 28, 320-339.

Steckbrief

Titel (deutsch): Was ist „Stalking“? – Die Bedeutung des Gerechte-Welt-Glaubens bei der Bewertung von belästigendem Verhalten
Titel (englisch): What is “stalking”? – The relevance of believing in a just world for evaluations of harassing behavior
Erhebungszeitraum: 07/2015–08/2015
Stichprobe (effektiv): 470
Stand der Informationen: 09.10.2015

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