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Wer wird das Rennen machen?

Heuser, Luise

Wer wird das Rennen machen?

Der Einfluss von Umfragen in der Wahl-Berichterstattung auf die Wahlerwartung. Die Rolle von Umfragetrends und journalistischen Wahlprognosen

Wer liegt vorne? Wer holt auf? Wer macht das Rennen? – Wie in einem sportlichen Wettkampf liegt das Interesse der Wahlkampfberichterstattung darin, wer momentan vorne liegt, wer seinen Standpunkt verbessert oder verschlechtert, wer gewinnt und wer verliert („game frame“). Die Entwicklung der Wählerstimmungen wird mithilfe der Sonntagsfrage in den Medien nachgezeichnet und analysiert. Aus den historischen Entwicklungen werden Umfragetrends abgeleitet, die eine Verbesserung oder Verschlechterung der Parteien und Kandidaten im Wahlkampf zeigen. Journalisten spekulieren auch häufig über den Wahlausgang, indem sie Prognosen treffen. In letzter Zeit wurden insbesondere Wirkungen von Umfragen auf die Bildung von Wahlerwartungen festgestellt, die wiederum strategische Wahlentscheidungen oder Entscheidungen zugunsten des Gewinners (Konsensheuristik) beeinflussen können. Allerdings ist bisher unklar, ob die Wirkung allein von den Umfragedaten ausgeht, oder ob auch die journalistische Darstellung dieser Umfragen einen Einfluss auf die Wahlerwartungen hat. Daher wurde ein experimentelles Untersuchungsdesign entworfen, in dem Umfragedaten (aktuelle Umfrage/ Umfragetrend knapp/ klar) und journalistische Prognosen (sichere/ offene Prognose) systematisch variiert wurden, um die Wirkungen des game frame zu untersuchen.

Umfrageinformationen werden von Wählern herangezogen, um Erwartungen über den Ausgang der Wahl zu bilden so die Unsicherheit über das zukünftige Ereignis zu reduzieren. Die heuristische Informationsverarbeitung ermöglicht durch die Anwendung von „short cuts“ eine hohe Urteilssicherheit über zukünftige Ereignisse. So werden zum Beispiel Urteile über zukünftige Ereignisse (Wahl) durch aktuelle Ereignisse (Umfrage) erklärt. In der Studie konnte gezeigt werden, dass eine erwartete Ankerheuristik angewandt wird: Der Anker verschiebt das Urteil über den Wahlausgang in die Richtung der Umfragewerte. Für die Umfragetrends und journalistischen Wahlprognosen wurden ebenfalls Ankereffekte erwartet. Umfragetrends sollten in der Zukunft fortgeführt werden (Ankeranpassung) und journalistische Prognosen Gedächtnisinhalte aktivieren, die der Richtung der Prognose entsprechen, und diese für die Urteile über den Wahlausgang leichter abrufbar machen (Priming). Diese Effekte konnten allerdings nur vereinzelt und sehr schwach festgestellt werden, z.B. wenn die Prognose des Journalisten ohne Umfragedaten publiziert wurde. Außerdem konnte gezeigt werden, dass ausschließlich die aktuellen Umfragedaten die Unsicherheit über den Wahlausgang reduzieren. Daher scheint es auch nicht allzu problematisch, dass die Glaubwürdigkeit der Artikel auch als hoch eingeschätzt wurde, wenn Journalisten Wahlprognosen trafen, ohne sie mit statistischen Daten zu belegen.

Wer liegt vorne? Wer holt auf? Wer macht das Rennen? – In der vorliegenden experimentellen Studie, die Umfragetrends und journalistische Prognosen variierte, spielte vor allem die Frage nach dem momentan in der Umfrage führenden Kandidaten eine Rolle für ihre Erwartungen darüber, wer bei der Wahl das Rennen machen würde.

Steckbrief

Titel (deutsch): Wer wird das Rennen machen? Der Einfluss von Umfragen in der Wahl-Berichterstattung auf die Wahlerwartung. Die Rolle von Umfragetrends und journalistischen Wahlprognosen
Titel (englisch): Who will win the race? The impact of published election polls in the media on voters’ expectations regarding trends and forecasts
Erhebungszeitraum: 02/2015–03/2015
Stichprobe (effektiv): 561
Stand der Informationen: 28.05.2015

Kontakt

Luise Heuser

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