Onlinebefragung

Die Wahrnehmung von Meinungsklimata im Web 2.0

Neubaum, German

Die Wahrnehmung von Meinungsklimata im Web 2.0

Soziale Medien stellen für viele Menschen inzwischen ein „Fenster zur Welt“ dar, durch das man nicht nur mit Freunden und Bekannten in Kontakt bleiben kann, sondern auch mit gesellschaftlich und politisch relevanten Themen in Berührung kommt. So sind z.B. Online-Nachrichtenseiten längst auf sozialen Netzwerkseiten wie Facebook etabliert und ermöglichen Usern im Rahmen der News-Postings die aufgegriffenen Themen zu kommentieren, zu „liken“ oder weiterzuleiten. Dazu posten Privatuser auch unabhängig von Online-Nachrichtenseiten eigene Gedanken und Meinungen zu gesellschaftlich relevanten Themen (Winter & Neubaum, 2014) und schaffen damit eine moderne Diskussionskultur, die gleichzeitig massenmedial und interpersonal abläuft (Fogg, 2008; Walther & Jang, 2012). Aber inwiefern färben solche Online-Postings und –Diskussionen auf uns ab? Inwieweit leiten wir von solchen Beiträgen ein „Stimmungsbild“ aus der Gesellschaft zu dem Thema ab? Die vorliegende Studie hat sich diese Fragen gestellt und mit Hilfe eines zweiwelligen Online-Experiments am Beispiel von Facebook untersucht.

Konkretere Fragen waren hierbei: Welche Hinweisreize auf Facebook haben die stärkste Wirkung auf unsere Wahrnehmung des Meinungsklimas zu einem kontroversen Thema (z.B. Legalisierung aktiver Sterbehilfe)? Wirkt ein Hauptbeitrag (z.B. ein gepostetes Bild) stärker als Nutzerkommentare? Inwiefern kann uns die Anzahl der Likes eines Beitrags in unserer Wahrnehmung des Stimmungsbildes beeinflussen? Welche Meinungsklimata leiten wir aus solchen Beiträgen ab – das Meinungsklima unter Facebookern oder auch das unter Deutschen generell? Was motiviert uns dazu, solche Hinweisreize wie „Likes“ oder Kommentare zu beachten?

Erste Ergebnisse dieser Studie zeigen, dass insbesondere Nutzerkommentare unsere Meinungsklimawahrnehmung beeinflussen: Wenn auch nur wenige Nutzerkommentare auf Facebook beispielsweise eine positive Meinung gegenüber der Legalisierung aktiver Sterbehilfe zum Ausdruck bringen, gehen wir davon aus, dass nicht nur andere Facebook-User, sondern auch Menschen deutschlandweit gegenüber der Legalisierung aktiver Sterbehilfe positiv gestimmt sind (als wenn wir Nutzerkommentare sehen, die einen negativen Standpunkt zu diesem Thema ausdrücken). Was motiviert uns dazu, solche „Stimmen“ aus der Bevölkerung bei Facebook zu beachten? Konsistent mit der Theorie der Schweigespirale (Noelle-Neumann, 1974) zeigen die vorliegenden Befunde, dass insbesondere unsere generelle Furcht vor Isolation (die Angst, von anderen Menschen abgelehnt zu werden) unsere Wachsamkeit gegenüber solchen Hinweisreizen reguliert: Je höher unsere Isolationsfurcht ist, desto eher achten wir auf die Anzahl der Likes und auf die Kommentare zu einem kontroversen Beitrag. Diese Hinweisreize werden demnach dazu genutzt, um zu überprüfen, welcher Standpunkt in unserer Gesellschaft eher „erwünscht“ ist und uns nicht in Gefahr bringt, von anderen abgelehnt zu werden.

Literatur

Fogg, B.J. (2008). Mass Interpersonal Persuasion: An Early View of a New Phenomenon. In H. O Kukkonen, P. Hasle, M.H.K. Segerståhl, P. Øhrstrøm (Eds.), Proceedings of the 3rd international conference on Persuasive Technology (pp. 23-35), Oulu, Finland. Berlin: Springer-Verlag.

Noelle-Neumann, E. (1974). The spiral of silence: A theory of public opinion. Journal of Communication, 24, 43–51. doi:10.1111/j.1460-2466.1974.tb00367.x

Walther, J. B. & Jang, J. W. (2012). Communication processes in participatory websites. Journal of Computer‐Mediated Communication, 18, 2–15. doi: 10.1111/j.1083-6101.2012.01592.x

Winter, S., & Neubaum, G. (2014, May). Two-step flow on Facebook: Opinion leadership in social networking sites. Paper presented at the annual meeting of ICA 2014 (International Communication Association), Seattle, WA, USA.

Steckbrief

Titel (deutsch): Die Wahrnehmung von Meinungsklimata im Web 2.0
Titel (englisch): Perceiving opinion climates in Web 2.0
Erhebungszeitraum: 05/2014–06/2014
Stichprobe (effektiv): 658
Stand der Informationen: 10.09.2014

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